Marie Ringler 05

Marie Ringler, municipal councillor and parliament member, representative for cultural policies of Die Grünen Vienna, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_40_mr.mov

Ich glaub[e], dass es ein ganz wichtiger Punkt ist, dass […] tatsächlich in den unterschiedlichen Sparten die Situation sich auch unterschiedlich darstellt. Und das ist auch ein tatsächlicher Faktor der in der Kulturpolitik[, der] sehr spürbar ist. Also wenn es jetzt z.B. konkret um das Thema darstellende Kunst geht: innerhalb dieser Theaterreform, die in den letzten Jahren in Wien versucht worden ist, gab [e]s ja immer auch sozusagen den Wunsch nach einem gewissen Generationenwechsel innerhalb der Leitungspositionen und auch innerhalb der Theater als solche. Und das stellt eine immanent soziale Frage, also: was bedeutet das, wenn man – was ich durchaus aus künstlerischen Kriterien [heraus] persönlich vertrete -, also wenn man sagt: eine künstlerische Intendanz soll nicht mehr als zehn Jahre dauern? Was bedeutet das dann für die Person des/der IntendantIn, die das war bis sie jetzt 45 ist und das dann nicht mehr ist? Also was bedeutet das? Das ist eine soziale Frage, und es ist eine, die uns – glaub[e] ich – nicht kalt lassen kann. […] Auch wenn man sozusagen vielleicht auf einer künstlerischen Ebene anders bewertet, ist es eine relevante Fragestellung, die sich im Gesamtkontext von Kulturpolitik, glaube ich, ganz massiv stellt. Und das sind nicht nur die BalletttänzerInnen, bei denen es sehr offensichtlich wird, aber wo man sagen kann: mit Mitte 30 kann man noch etwas anderes anfangen. Was tut man, wenn man Mitte 50 ist und von diesem System betroffen wird? Das ist etwas, glaub[e] ich, das auch in den nächsten Jahren immer stärker ein Thema werden wird, weil natürlich da auch eine ganze Generation – auch in Wien – eines Aufbruchs vielleicht in den 80er Jahren jetzt zunehmend in diese Alterskategorie gerät. Also diese ganze [so genannte, Anm. AR.] freie Szene, die werden jetzt irgendwann einmal alle 50 und 60.

Michael Wimmer 05

Michael Wimmer, art mediator, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_39_mw_hg.mov

MW:
Die IFES-Studien, die letzten, glaube ich, 89 wurde die letzte gemacht: da gab es noch klare Mehrheiten dafür, dass man der Meinung war, öffentliche Förderung ist wichtig, was hier produziert wird, ist so [et]was wie ein gemeinsamer gesellschaftlicher Mehrwert. Und die letzte Studie, die IFES [durchgeführt hat, die, Anm. AR.] dieses jüngste Kulturmonitoring angeht, wo […] nur mehr, glaub[e] ich, 34% oder [so et]was der Bevölkerung diese Meinung repräsentieren, die gesagt hat: öffentliche Förderung ist wichtig und notwendig.

Herbert Gnauer im Publikum:
Und bezieht sich auf welche Kunstform genau?

MW:
Auf Kulturförderung [in Österreich, Anm. AR.] ganz insgesamt.

HG:
Ganz insgesamt. Was mich ein bisschen stört – jetzt an der Diskussion, hat ein bisschen [et]was auch mit der Besetzung zu tun -: aber beim Sample hast Du[, Alexandra Reill, Anm. AR.] gesagt, sind die darstellenden Künste vertreten, hier in der Diskussion sind eigentlich nur die bildenden Künste vertreten. […] Ich hör[e] hier ständig den Begriff Kunst verwendet eigentlich nur für die bildenden Künste. […] Ich gglaub[e], dass die Situation unterm Strich für die einzelnen Betroffenen sehr ähnlich ist, aber die Ausgangssituationen eben ganz andere, weshalb ein bildender Künstler einfach in aller Regel, auch wenn er kein materielles Produkt schafft, sondern was weiß ich was, eine Website, ein immaterielles, dennoch etwas hat, das einen Wertzuwachs erfahren kann, auch nach Jahren noch. […] Wenn ich als bildender Künstler mit Mitte 40 einen Durchbruch schaffe, dann sind die Werke, die ich bis dahin ja in die Welt gesetzt hab[e] auch mit einem starken Mehrwert [belegt, Anm. AR.]. Die Frage ist, ob ich davon noch profitier[e] oder ob die[se] nicht längst schon anderen Leuten gehören, die sich dann darüber freuen, weil sie das Leopold Museum geschenkt bekommt oder [et]was ähnliches.

Das ist von den unterschiedlichen Kunstsparten [her gesehen, Anm. AR.] jetzt auch unterschiedlich zu beurteilen. Ich glaub[e], dass Musiker in einer ganz anderen Situation sind, dass vor allem darstellende in einer völlig anderen Situation sind, weil die[se] in aller Regel ein ganz vergängliches Produkt haben, das einfach mit der letzten Vorstellung dann meistens auch undokumentiert verschwunden ist und nur mehr in der Erinnerung vorhanden.

Es bezieht sich aber auch nicht nur auf avantgardistische, experimentelle Kunstformen, sondern es ist eine absolut kaltschnäuzige, neoliberale – wie es so schön heißt – Schlechterstellung auch durchaus in den traditionellen Kunstformen zu finden. Also, klassisches Beispiel in der darstellenden Kunst: die ärmsten sind immer die Balletttänzerinnen und –tänzer, die[se] arbeiten am meisten, [… bekommen] am wenigsten bezahlt, sind Mitte 30 bis 40 meistens dann körperlich nicht mehr in der Lage, ihren Beruf auszuüben. Und da war es bis vor fünfzehn, zwanzig Jahren eigentlich so, dass sie von einem Pensionssystem aufgefangen wurden. Das ist nicht mehr so. Schluss. Die Leute kriegen nicht mehr so langfristige Verträge, dass sie überhaupt in die Situation hineinkommen. Fertig. Also: die[se] haben dann meistens auch eine Ausbildung, die sich nicht woanders einsetzen lässt, ja und lassen sich dann umschulen …. Das sind oft dann SupermarktkassiererInnen, TaxifahrerInnen usw.

Michael Wimmer 04

Michael Wimmer, art mediator, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_38_mw.mov

[...] Ich finde […] für mich drei Unterscheidungen[, die ich] treffen würde. Und was Ihr[, Alexandra Reill und Franziska Maderthaner, Anm. AR.] jetzt noch einmal angesprochen habt, hat irgendwie mit so [et]was wie einer emphatischen Idee vom Künstlertum zu tun: ich werde Künstler, weil ich muss und weil ich da gar nicht anders kann, und weil [e]s im letzten nicht wirklich relevant ist, ob jemand anderer auch so denkt, dass das wichtig ist, was ich da tue, sondern es ist meine persönliche Herangehensweise und fast eine Existenzweise. Und des ist ja real und auch unglaublich mystifiziert da dabei. Das ist die eine Geschichte.

Die zweite ist dann eher eine pragmatische, betrifft dann auch ganz stark die Universitäten, und es hat was mit dem Kunstbetrieb zu tun. Und Ausbildung, Ausbildungserfordernisse – wir wissen nicht einmal, wie viel es wirklich sind -: aber eigentlich arbeiten die Ausbildungseinrichtungen einem Markt zu, und es gibt eben welche, die es schaffen, andere, die es nicht schaffen, in diesem ursprünglichen Sinn als Stars, wo sich dann mehr und mehr die Frage stellt: kann ich meine Kompetenz, die ich da erworben habe, anderweitig nutzen, sei es im Vermittlungszusammenhang, im edukativen, im sozialen oder sonst wie … im Bereich dabei? Oder ist es eben ein derartiges Ausleseverfahren, das eben tausend Klavierspieler produziert, aber nur drei werden gebraucht, und die 997 haben [… eben] Pech gehabt?

Und da gibt es dann wenig Alternativen dazu. Ich glaube, da sind gerade die Ausbildungseinrichtungen gefordert zu sagen: hallo, dieser […] Star ist nicht das einzige, sondern es gibt eine wesentliche Verbreiterung der Berufsfelder und schaut euch rechtzeitig um, was ihr eigentlich alles machen könntet da dabei und wo ihr produktiv sein könnt und wo ihr auch hohe Reputation, Anerkennung, Professionalität usw. einbringen könnt […].

Und da gibt es eine dritte Dimension, und das wäre dann für mich die politische dabei, weil dort, wo wir reden: ich bin Künstler oder Künstlerin und ich erwarte mir hier eine Existenz, also dann hat das immer auch etwas mit Umverteilung zu tun. Dann geht [e]s ja hier um öffentliche Mittel – direkt oder indirekt -, die für meine Existenzweise eingesetzt werden, und die muss ich in irgendeiner Form legitimieren. Ich muss ja sagen können, warum die einen etwas geben sollen an Steuerleistungen, was mir zugute kommen soll. Und das ist gar keine so einfache Frage, die man da beantworten kann, und sie ist bedrohlich, und das möchte ich auch einbringen, weil dieses letzte Kulturmonitoring eigentlich ergeben hat, dass die Bereitschaft breiter Bevölkerungsmehrheiten, sich für öffentliche Förderung auszusprechen, ziemlich im Sinken ist. Es ist keine Mehrheit der österreichischen Bevölkerung mehr, die sagt, es sollte öffentliche Förderung geben. Da haben wir alle mitsammen irgendwie auch verloren ein Stück weg an Überzeugungskraft, an Argumentationshilfe. Das heißt nicht, dass der Kunstbetrieb morgen zu Ende kommt, aber das erzählt schon auch etwas über ein Stück des Entfernens von unseren Vorstellungen, Hoffnungen, Sehnsüchten […] gegenüber Realitäten in den Köpfen sehr vieler Menschen.

Franziska Maderthaner 08

Franziska Maderthander, fine artist, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_37_fm.mov

Kunst zu machen, Künstler/Künstlerin zu sein ist einfach nach wie vor ein vehement positiv aufgeladenes Berufsbild. Das kommt auch dazu. Es gibt kaum einen Beruf, der für diejenigen, die diesen Beruf ausführen, so positiv aufgeladen ist, dass man dann unglaublich viel Leid [auf sich nimmt, Anm. AR.] und Opfer bringt, um ewig lang dieses Künstlerin/Künstler sein [leben] zu können. Das kommt mir auch so vor.

Aber die Situation ist natürlich so, dass wenn du irgendwann einmal 35 wirst – so geht es eigentlich dann fast allen Menschen -, dann willst du einfach nicht mehr in der WG wohnen, du hast dann vielleicht irgendwann [ein]mal die Idee, ein Kind zu bekommen. Wenn du ein Kind hast, dann geht damit einher: eigentlich bräuchte ich jetzt eine Wohnung und ein Auto vielleicht auch noch – also alles eigentlich fast kleinbürgerliche Ansprüche, die aber dann, wenn man sie zusammen zählt, so viel Geld ausmachen, dass du eigentlich dann so eine Familie gar nicht erhalten kannst. Leider, d.h. die meisten, leider Gottes sind das dann die Frauen, die dann entweder sich einen Mann suchen, der das Ganze finanziert, oder sie haben einen vermögenden Hintergrund.

Aber es ist nicht umsonst so, dass die Künstlerinnen in Österreich – das ist jetzt wirklich erschreckend – durchschnittlich 0,48 Kinder kriegen, während die österreichische Durchschnittsfrau bei 1,52 oder so [et]was ist. Also das muss man sich einmal vorstellen, wie wenig, wenig Künstlerinnen es gibt, die sich ein Kind nur leisten können, weil die Situation es einfach nicht ermöglicht. Das ist eine traurige Tatsache.

Paul Stepan 10

Paul Stepan, culture economist, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_36_ps.mov

PS:
Viele, die [e]s eben sozusagen nicht geschafft haben, fliegen dann mit 30, 35, 40 [Jahren aus der Statistik, Anm. AR.] [he]raus, und machen komplett etwas anderes oder schauen, ob sie irgendwie anders überleben können und würden sich aber dann nicht mehr eigentlich als Künstler/Künstlerinnen bezeichnen, weil sie schon woanders sind. Und das heißt: es wär[e] jetzt logischerweise so in so einem Sample, wer oft drinnen ist, sind Leute, die sich selbst im Aufbau begriffen sehen, d.h. die jetzt noch nicht davon leben können, aber nach wie vor hoffen, in fünf Jahren davon leben zu können. Und daraus ergibt sich eine Diskrepanz relativ schnell. Also: es werden sicher nicht wahnsinnig viele Junge sein, die extrem gut davon leben können, und die paar, die Du[, Alexandra Reill in der Studie Kunst im Trend? Artists’ Voices., Anm. AR.] drinnen hast, die davon leben können, werden im Altersschnitt sicher viel höher sein als die, die nicht davon leben können.

AR:
Die liegen eher über 40 [Jahren], ja. Ab 40+, 40[+] bis 60+.

Alexandra Reill 41

Alexandra Reill, media artist/film maker, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_35_ar.mov

Publikumsstimme:
Ich wollt[e] nur kurz nachfragen, weil sie zu Beginn eine sehr hohe Zahl gesagt haben, von den Befragten [der Studie Kunst im Trend? Artists. Voices., Anm. AR.] wiederum, die jetzt die Beschäftigung mit Kunst und künstlerische Tätigkeit als Hauptfeld ihres beruflichen Lebens sehen, und zugleich aber sehr wenige davon wirklich leben können – […] abgesehen jetzt von dieser Relativierung des Prozent[satzes], des Problems damit …. Und da würde mich interessieren, weil Sie[, Alexandra Reill, Anm. AR.] das kaum erörtert haben, [die Frage] nach der Motivation. Wenn damit kaum eine langfristige [… Existenzbasis, Anm. AR.] gefunden ist, wie lässt sich das damit erklären, dass sozusagen der Wille, zur Kunstuniversität zu gehen und eine Ausbildung zu machen wie auch zu versuchen, davon zu leben, trotzdem gegeben ist? Ist das jetzt eine Fehlinformation an die Öffentlichkeit oder ist das jemand, der […] bewusst kalkuliert, was er da eingeht? Oder: was für Parameter haben Sie gehabt bei der Befragung? Oder welche Antworten in Bezug auf diese Frage der Motivation? Das würde mich interessieren.

AR:
Ja. Also: wovon wir sprechen, ist ja eben eine große Diskrepanz. Zum einen kann fast niemand davon leben, zum anderen verstehen sich aber 75% hauptberuflich als KünstlerInnen. Nur ganz wenige haben angegeben, sie verstehen das als Nebenberuf oder sie verstehen es als gleichwertig mit einer Elternschaft oder als gleichwertig mit einer kunstnahen oder einer Kreativtätigkeit, und runde 9% haben angegeben, dass sie überhaupt von der Definition eines Berufsbildes Abstand nehmen würden, sondern die künstlerische Produktion wie eine andere Tätigkeit im Leben auch definieren würden.

Das heißt: wir reden da schon von einer großen Diskrepanz, haben nachgefragt, indem wir ein paar Postulate so aus den letzten 100 Jahren, die man so als Klassiker hört – kommt Kunst von Müssen, von Wollen – versucht haben[, einzufragen, Anm. AR.] da ein bisschen nachzuhaken. Es gehen immerhin über 60% der KünstlerInnen nach wie vor davon aus, dass die Motivation, Kunst zu produzieren, von einem Muss kommt, wobei also ein Begriff wie ‚Berufung’ so gut wie nicht mehr vorbehaltlos […] verwendet wird. Da gibt es wahrscheinlich schon Veränderungen in der Art, wie heute Definitionen vorgenommen werden. Aber ein innerer Impetus, eine innere Notwendigkeit, künstlerisch zu produzieren, ist noch immer gängige Motivation, so könnte man das vielleicht umschreiben. Also: es nehmen offensichtlich sehr, sehr viele durchaus bewusst – und da sag[e] ich jetzt auch ganz absichtlich – Armut in Kauf, um sich künstlerischer Produktion widmen zu können.

Franziska Maderthaner 07

Franziska Maderthander, fine artist, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_34_fm.mov

Publikumsstimme:
Ein Grossteil dieser Künstler, glaub[e] ich, ist nicht bei Ausstellungen jetzt wirklich vertreten oder nicht bei Ausstellungen, die von Privatinstitutionen wie Generali oder die Erste Bank […] subventioniert werden.

FM:
Ein Grossteil der österreichischen Künstler ist überhaupt nirgendwo vertreten, weder in Galerien noch in Museen. Es gibt, glaub[e] ich, in ganz Österreich […] – die Zahl ist einfach noch immer nicht ganz fix -, es gibt so zwischen – sagen wir [ein]mal – 5.000 und 8.000 Künstler und Künstlerinnen in Österreich.

Das ist deshalb so schwierig festzumachen, weil da verschiedene Parameter herangezogen werden, einerseits wer hat eine Steuernummer, und wer hat eine Sozialversicherung, und wer hat ein Studium abgeschlossen, und, und, und, und. Deswegen kann man diese Zahlen nie so genau festmachen.

Tatsache ist, dass insgesamt nur 300 bei einer Galerie sind, von einem Galerievertrag möchte ich gar nicht reden, bei einer Galerie vertreten sind. […] Das ist im Vergleich zu diesen – sagen wir einmal, es sind – vielleicht 6.000, was ich jetzt sehr nieder angesetzt hab[e], auch sehr wenig.

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