Archive for the 'myriam thyes' Category

Myriam Thyes 15

flash work by Myriam Thyes, media artist, D

AR:
Glaubst Du, dass es in Deutschland in zehn Jahren verstärkt Förderungen der Wirtschaft bzw. der öffentlichen Hand für Kunst geben wird?

MT:
Nein.

AR:
Welche Auswirkungen kannst Du Dir von dieser Situation vorstellen?

MT:
Ich glaube, dass Kunstmarkt, öffentliche Kultur- und Kunst-Förderung und Kunst-Sponsoring sich in den nächsten 10 Jahren nicht stark verändern werden in Deutschland, sich insgesamt weder verbessern noch verschlechtern werden. Schon jetzt übernehmen Galeristen, Sammler und Sponsoren Ausstellungskosten in Museen und städtischen Kunsthallen, was den Geldgebern natürlich Einfluss darauf gibt, welche Künstler und Werke ausgestellt werden.

[…] Äußere Hürden sind, dass es schwer ist, eine Galerie zu finden, dass es schwer ist, Kunst zu verkaufen, wenn man mit audiovisuellen Medien arbeitet - es gibt eben nicht so viele Menschen, die Kunst kaufen wollen, kann ich auch niemandem verübeln. Aber ich wäre sehr dafür, dass die Kunstszene vom Kunstmarkt unabhängiger wird. Die Kunst, die ich mache, ist z.B. gar nicht so kommerziell ausgerichtet - mit Videos und Animationen, die ich auch auf Festivals zeige. Mir wäre lieber, ich könnte Vorführ- und Ausstellungshonorare bekommen, und natürlich Honorare für Gastvorträge und Workshops (die ich auch bekomme), aber Ausstellungs- und Vorführhonorare wären für mich eine weit bessere Lösung als Kunstwerke zu verkaufen. (Aus: „Kunst in NRW“, www.kunstinnrw.de, Video-Interview von Michael Gumnor mit Myriam Thyes, 2007, zum Gesellschaftlichen in der Kunst.)

Myriam Thyes 14

Myriam Thyes, media artist, D

AR:
Wie gestalten sich Kooperationen mit anderen KünstlerInnen/Kreativschaffenden in inhaltlicher und in wirtschaftlicher Hinsicht? Welche Formen von Budget- und Arbeitsteilungen kommen zum Tragen?

Meist machen alle alles ehrenamtlich, oft als “Tauschgeschäft”.

Manchmal beantrage und erhalte ich Geld für Produktioskosten, aber leben kann davon niemand, weder ich noch Kooperationspartner/innen.

Für eindeutige Dienstleistungen, wie Übersetzungen, Tonaufnahmen, Layouts, bezahle ich natürlich. Umgekehrt verdiene ich manchmal Geld, indem ich Videoschnitt, DVD-Produktion und Websites für andere Künstler/innen mache.

Neben meiner künstlerischen Produktion bin ich als Freelancerin im Videoschnitt, DVD-Produktion, Website-Design und –Produktion aktiv und unterrichte (Projekt-Workshops an Schulen und Museen).

Myriam Thyes 13

flash piece by Myriam Thyes, media artist, D

AR:
Wenn Du mit anderen KünstlerInnen zusammenarbeitest, wie würdest Du Deine Rolle und Funktion im Team definieren?

MT:
Zur Zeit arbeite ich nebst meinen “Solo-Werken” an einem Projekt, das ich selbst initiiert und konzipiert habe (Flag Metamorphoses), zu dem ich viele andere Künstler/innen einlade, ein Werk zu einer Serie von Flash-Animationen beizusteuern. Meine Rolle darin ist eine sowohl moderierende, selektierende als auch vor allem eine unterstützende: wer mit der eigenen Animation Schwierigkeiten hat, z.B. technische, erhält Hilfe und Beratung. Bezüglich des Gesamt-Projektes und meiner eigenen Animationen bin ich Regisseurin, doch bezüglich der einzelnen Arbeiten von Anderen sind sie selbst Regisseure und ich Zu-Arbeiterin und Kritikerin. Außerdem mache ich für das Projekt PR und technische Realisation.

Myriam Thyes 12

flash piece by Myriam Thyes, media artist, D

AR:
Welche Rolle schreibst Du Dir selbst als Künstlerin zu? Was siehst Du als Deine Aufgabe/n an?

MT:
Es gibt, glaube ich, für Künstler sehr unterschiedliche Möglichkeiten, Funktionen zu erfüllen, ich möchte da keine grundsätzliche Definition abgeben, sondern für mich selber ist meine Funktion als Künstlerin unter anderem eine kommunikative, also der Austausch mit anderen Menschen durch die Kunstwerke und natürlich auch durch das Gespräch über Kunstwerke. Und die Kunstwerke selbst, so hoffe ich, können die Gedanken und die Fantasie von dem Betrachter, der Betrachterin anregen, öffnen, flexibel machen, erweitern. So wie mich Kunst angeregt hat, anders über das Leben nachzudenken oder eben neue Ideen zu entwickeln, so hoffe ich, dass meine künstlerischen Arbeiten das bei anderen Menschen auch tun. (Aus: „Kunst in NRW“, www.kunstinnrw.de, Video-Interview von Michael Gumnor mit Myriam Thyes, 2007, zum Gesellschaftlichen in der Kunst.)

Wie [...] erwähnt, geht es mir um Analyse, Reflexion, Umwertung und Aneignung - auch mit Humor und (Selbst-)Ironie, und wo nötig mit Spott - und einen eigenwilligen, möglichst freien, selbstbestimmten Umgang mit dem, was wir in der Welt vorfinden. Ich habe ein Bedürfnis, Autoritäten anzukratzen, vor allem die Mächte, die unsere Symbole und Werte definieren (wollen). Einseitige “Anklagen” halte ich dabei für zu unkreativ und sinnlos, da wir alle mit allem Guten und Schlechten in der Welt verstrickt sind. In den Künsten sehe ich die Möglichkeit, scheinbar Gegensätzliches zu verbinden, z.Bsp. Engagement und Schönheit, ironische Distanz und Emotion.

Myriam Thyes 11

Myriam Thyes, media artist, D

AR:
Du lebst in Deutschland, in Düsseldorf …, welche Rolle hat Deiner Meinung nach ein/e zeitgenössische KünstlerIn in der dortigen Gesellschaft?

MT:
Zum Ortsbezug: Die Rolle von Künstlern in Düsseldorf kann ich nicht genau benennen, weil ich sehr international arbeite und selten in Düsseldorf etwas zeige. Insgesamt werden zeitgenössische Künstler/innen und unsere Arbeit hier sicher mehr respektiert und ernst genommen als an vielen anderen Orten.

Ich betone immer, dass verschiedene Künstler/innen und verschiedene Kunst-Auffassungen neben einander bestehen können und sollen und je eigene, unterschiedliche Rollen und Funktionen erfüllen. Außerdem vermischen sich in den letzten Jahrzehnten die “Disziplinen”: politisch-aufklärerische Kunst mit Dokumentarfilm und Journalismus, Lichtkunst (am Bau) und andere öffentliche Kunst mit Design und Dekoration, Malerei mit Finanzmarkt und privatem Schmuck/Dekoration, Kunstfilm mit Spielfilm - aber vielleicht war das schon immer so.

Myriam Thyes 10

Myriam Thyes, media artist, D

AR:
Siehst Du Kunstproduktion als Beruf oder als Berufung oder anderweitig an?

MT:
Beides. Auch als Spiel.

AR:
Bei dem Begriff “Berufung” – kannst Du vielleicht näher beschreiben, was Du damit meinst?

MT:
“Berufung” ist vielleicht ein zu religiöses Wort - ich meine ein persönliches Bedürfnis, mich künstlerisch auszudrücken - das habe ich, seit ich zwei Jahre alt bin. Es umfasste zuerst Zeichnen, später auch Malen und Schreiben, gelegentlich auch Schauspielen / Sprechen im künstlerischen Sinn, dann kam Video hinzu und zuletzt Computer-Animation. Zum Glück gibt es noch ein paar andere Menschen, die mich zur Kunst “berufen” fühlen und denen meine Arbeit etwas gibt; denn so gerne ich zu meiner eigenen Unterhaltung künstlerisch arbeite, so wichtig sind mir doch die “Empfänger/innen” und ihre Reaktionen.

Ja, mein Gefühl für das Geistige und Menschliche in der Welt …. Und die andere Quelle ist die, dass ich mich über Dinge ärgere, die auf der Welt passieren, und das sind besonders Dinge, die mit Politik und mit Ungerechtigkeiten, mit Ungleichheiten zu tun haben, sei es zwischen den verschiedenen Rassen, den Geschlechtern, sei es zwischen arm und reich - also diese ganzen Systeme, wie die Gesellschaften aufgebaut sind. Die bieten natürlich immer wieder Anlass, etwas in die Gegensätze zu holen, (Was heisst das? habe ich so bestimmt nicht gesagt.) und da habe ich mir als Instrument eben die Beschäftigung mit Symbolen genommen. Ich arbeite sehr gerne mit Symbolen und Mythen, die ich dann verwandle, umwerte. Und mit dieser Arbeit mit Symbolen kann ich sehr gut diese beiden Quellen, also sozusagen die Protestquelle und die positive Quelle, zusammenführen.

Ich recherchiere Symbole, z.B. in politischen Objekten wie Flaggen, Weltkarten, oder eben auch religiöse Symbole wie das Yin & Yang, das Kreuz, und mit diesen Motiven und Symbolen versuche ich so zu arbeiten, dass ich ihnen eine aktuellere oder veränderte Bedeutung gebe oder auch ihre politischen Festlegungen auflöse und umschreibe. (Aus: „Kunst in NRW“, www.kunstinnrw.de, Video-Interview von Michael Gumnor mit Myriam Thyes, 2007, zum Gesellschaftlichen in der Kunst.)

AR:
Nicht zuletzt: Rezeption scheint Dir doch sehr wichtig zu sein … In welchem Zusammenhang manifestiert sich diese Relation zwischen Produzierenden und RezipientInnen, wie kannst Du einen Zusammenhang feststellen? Hat diese eine Auswirkung auf die Positionierung des „Kunstwerks“ in einer Gesellschaft bzw. bedingt sie – zumindest anteilig – die Feststellung von Qualitäthaftigkeit eines „Kunstwerks“? Bzw.: Wie wirkt Rezeption auf Dich als KünstlerIn bzw. auf Deine Kunstproduktion zurück?

MT:
Dies sind nun mehrere Fragen in einer …

Ja, auf jeden Fall wirkt die Rezeption auf die Kunstproduktion zurück, schon allein dahingehend, dass man als Künstler/in eher diejenigen eigenen Stränge weiter verfolgt, mit denen man Erfolg hat – ich glaube, das geht vielen Künstler/innen oft so, bewusst und unbewusst. Und teilweise ist diese „Selektion“ künstlerischen Ausdrucks auch richtig: ich merke bei mir selbst, dass ich mit dem, was mir liegt, was ich gut kann, auch mehr Erfolg habe. Es kann natürlich auch geschehen, dass Künstler/innen sich entmutigen lassen, wenn sie mit einer Arbeitsweise keinen Erfolg haben, und so ein schwieriges aber spannendes Werk verloren geht oder nicht weiter entwickelt wird.

Besonders schön ist diese Beziehung natürlich dann, wenn Betrachter/innen mir zu meinen Arbeiten ihre Gedanken und Assoziationen erzählen, auf die ich selbst nicht gekommen wäre, oder wenn sie umgekehrt genau das darin finden, worum es mir ging. So erhalte ich manchmal neue Anregungen für meine Arbeit.

Die „Qualitäthaftigkeit“ eines Kunstwerkes wird ja von Kurator/innen, (professionellen) Sammler/innen, Kunst-Auktionaren und Galerist/innen festgelegt. Sie sind in Kunst und Kunstwissenschaften oft gebildet und erfahren, somit hat ihr Urteil eine gewisse Berechtigung. Doch mir spielt zu oft das Geld eine Rolle im „Kunst-Gewerbe“ und in der Festlegung, welche Kunst, welche/r Künstler/in „gut“ sei. Über die Macht des Kunstmarktes könnte man jetzt lange sprechen …

Welche Kunst für gut befunden wird, dieses Urteil SPIEGELT bestimmt eine gesellschaftliche Situation. D.h. die Kunst, die ausgestellt wird, reflektiert den Zustand einer Gesellschaft. Umgekehrt bin ich weniger optimistisch: Ich glaube, dass heute nur wenige Kunstwerke und wenige künstlerische Strategien die Gesellschaft beeinflussen können. Ein wenig versuche ich dies mit FLAG METAMORPHOSES …

Myriam Thyes 09

flash piece by Myriam Thyes, media artist, D

AR:
Ist Kunst Entertainment?

MT:
Auch.

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