Marie Ringler 01

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_13_mr.mov
AR:
Was sagt die Kulturpolitik dazu? Wie bringen wir diese ganzen arbeitslosen KünstlerInnen in einer Gesellschaft unter? Was sind da die zeitgenössischen Versuche, Überlegungen -gerade auch im Lichte der Creative Industries-Debatte vielleicht?
Marie Ringler:
[…] Ich würde sehr gerne zum Ausgangspunkt zurückgehen, nämlich zu dieser Frage der Einkommenssicherung, und da auch einen deutlichen Unterschied machen zwischen künstlerischer, nicht kommerzieller Arbeit und jener der Creative Industries. Ich glaube, dass man das auch nicht vermischen sollte in der Debatte, denn sonst wird sie sehr unscharf.
Dort, wo Creative Industries stattfinden, das ist jener Bereich, in dem Menschen in kreativen Bereichen, das kann alles Mögliche umfassen, mit einer Gewinnabsicht agieren und sich auch bis zu einem gewissen Grad unter Umständen als Unternehmer sehen, fühlen oder auch in diese Rolle gedrängt werden vom Staat. Das ist für mich […] Creative Industries, also dort, wo jemand, der unter Umständen Jus studiert hat und vielleicht auch auf der Angewandten studiert hat, in einem Feld arbeitet, in dem er oder sie – so von Dir[, Alexandra Reill, Anm. AR.] angesprochen – Dienstleistungen erbringt, also z.B. für den nächsten Veranstaltungsabend von Siemens tolle VJ-Elemente. Da sind die Creative Industries, da ist aus meiner Sicht ganz klassisch die Wirtschaftsförderung zuständig. Da gibt es Wirtschaftsförderungsmassnahmen, die sind mal besser und mal schlechter, sie sind mehr oder weniger gut angebracht und dem angemessen, was dort passiert. Davon gibt [e]s aber mittlerweilen in Österreich auch einiges, namentlich departure, die in diesem Bereich aktiv sind, die auch nicht alles abdecken können, die jedoch zumindest in diesem Bereich recht aktiv sind. Das ist quasi der eine Bereich.
Der, der mich eigentlich in dieser Diskussion und Debatte mehr interessiert, nämlich jetzt auch kulturpolitisch gesprochen, ist der Bereich der KünstlerInnen und Kulturschaffenden, die nicht kommerziell arbeiten, die keine Gewinnabsichten verfolgen und die daher in hohem Masse von Subventionen oder anderen Formen von Einkünften, Einnahmen abhängig sind, wie Sponsoren oder vielleicht auch Einnahmen, die sie lukrieren, in dem sie Eintritt verlangen, das ist ja durchaus auch denkbar.
Aber der entscheidende Unterschied ist hier die Gewinnabsicht, denk[e] ich, also Gewinnabsicht, wenn sie sozusagen über das Bild Verkaufen hinausgeht, wo natürlich jeder den höchsten Preis im Idealfall erzielen will.
Und dort, glaub[e] ich, dass die Zahlen, die Du[, Alexandra Reill, Anm. AR.] genannt hast, sehr zutreffend sind. Ich bin schon sehr gespannt, es ist ja auch eine sehr große Studie von Seiten des Unterrichts- und Kunstministeriums herausgegeben worden, wo die Ergebnisse eigentlich demnächst [vorliegen müssten …]
FM:
Genau.
AR:
Es wird gesagt, Ende Mai.
MR:
Wo, denk[e] ich, auch wahrscheinlich – ich vermute – Dein Bild noch einmal in ähnlicher Form […] gezeigt wird,
AR:
Schauen wir einmal ….
MR:
… nämlich, dass ein großer Teil der Leute, die in diesem Feld arbeiten schlicht davon nicht leben können oder wirklich am Existenzminimum oder sogar unter der Armutsgrenze davon leben. Und da stellt sich jetzt für mich die Frage: was ist uns als selbsternannter Kulturnation diese kreative Arbeit, diese künstlerische Leistung, das, was da entsteht, wert?
Und für mich ist da klar, dass aus meiner Sicht das einen sehr hohen Wert darstellt, weil damit Freiräume geschaffen werden, Freiräume für Arbeit abseits dieses kommerzialisierten Wirtschaftssystems, wie wir es kennen und wie es sozusagen gewisse Zwänge natürlich auch bedeutet, und diese Freiräume auch für die Gesellschaft einen großen Mehrwert – um jetzt wieder so einen komischen Terminus zu verwenden – erzeugen, und daraus leitet sich für mich eigentlich ab, dass ich es wichtig finden würde, gerade in diesem künstlerischen Bereich mit so etwas wie einer Grundsicherung den Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, genau das zu geben, was dieses Wort sagen will, nämlich eine Grundabsicherung.
Es gibt auch ein Modell dazu, das der Wolfgang Zinggl gemeinsam mit einigen Experten ausgearbeitet hat – also unser Kultursprecher im Nationalrat; das basiert auf diesem allgemeinen Grundsicherungsmodell – und das davon ausgeht das es einfach ein sinnvoller erster Schritt wäre, gerade Künstlerinnen und Künstlern, die eben nicht mit Gewinnabsicht arbeiten, die keine UnternehmerInnen sind, die nicht in den Creative Industries tätig sind. über so eine Grundabsicherung dann ein Minimum an menschenwürdigem Leben zu ermöglichen, um ihnen damit die Möglichkeit zu geben, genau diese Freiräume zu nutzen, genau diese künstlerische Arbeit zu machen, sich kreativ in der einen oder anderen Form zu betätigen, weiter zu entwickeln, zu recherchieren, zu arbeiten, das zu tun, was man so gemeinhin als künstlerische Arbeit im weitesten versteht. Das betrifft nicht nur die bildende Kunst, sondern alle Kunstsparten, also überall dort, wo jemand in diesem Feld arbeitet.
Das ist für mich eigentlich sicherlich eine zentral wichtige Herangehensweise. Das löst das Problem der 140 AbsolventInnen der Bildenden und der Angewandten nicht, von denen wahrscheinlich immer noch 139 trotzdem nicht die Weltstars werden werden, aber es ermöglicht vielleicht zumindest für eine gewisse Phase des Lebens, genau die Chancen zu nutzen und auch das eigene Potential einmal auszuprobieren, um dann möglicherweise auch festzustellen, dass es etwas anderes gibt und dass es etwas anderes werden muss, aber ich glaube, dass eine sehr wichtige Möglichkeit wäre.
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