
http://www.datonet.at/kanonmedia/19_lk_sb.mov
LK:
[… Das Theater] intendiert eigentlich, ein Bild zu sein, aber es schafft nicht, ein Bild zu sein.
SB:
Aber all diese Dinge, die Sie jetzt genannt haben mit Dialogen und Text, das sind ja Konventionen. Ich denke, was Theater tatsächlich ausmacht, ist eben – wie man es in der Theatertheorie nennt – die leibliche Ko-Präsenz, also: dass tatsächlich Menschen miteinander da sind.
http://www.datonet.at/kanonmedia/20_lk_ar.mov
LK:
Es ist nicht bloße Performativität, dann wäre es nämlich auch wieder vom Ritual nicht abzugrenzen.
SB:
Sondern? […]
LK:
Nein, weil sonst wär[e] es ja kaum zu unterscheiden – das Theatralische von irgendwelchen Leuten, [… bei denen] kultische Tänze stattfinden oder von steinzeitlichen Jägern, die Tiere nachstellen. Obwohl wir natürlich sehr wohl einen Ursprung des Theaters [finden], in dem sozusagen die Verdoppelung – dass ein Individuum, das nun zugleich ein Krokodil ist – [enthalten ist]. Da ist natürlich schon etwas d[a]rin vom Theatralischen, aber das Theatralische muss schon irgendwo darüber hinausgegangen sein im Laufe der Zeit.
AR:
Ich meine, […] diese Methodik der Erzählung zugunsten – sei dies jetzt Erziehung, Ethik oder Erkenntnisfindung -, zugunsten einer Realitätseröffnung und genau dieses Spiel zwischen den Abbildungen, zwischen den vorhandenen Ebenen ist […] etwas, das sowohl in der bildenden Kunst wie im Theater […] wahrscheinlich das Ausschlaggebende schlechthin ist.
Mich erinnert das z.B. … Ich war ja zehn Jahre für Film und Theater tätig als Kostümerin, und wir hatten meistens um 6 Uhr in der Früh Produktionsbeginn, wo unsere verschlafenen Schauspielerinnen und Schauspieler angetreten sind und wo wir z.B. in eine Wohnung als Drehort gekommen sind, die so und so aussieht. Und um 9 Uhr, wenn dann alle halbwegs erholt und hergerichtet diesen Set-Raum wieder betreten haben, in dem bis dahin die Ausstatter gearbeitet ha[tt]en und das Licht, war der Raum völlig anders eingerichtet, hatte eine völlig andere Atmosphäre, und es war so der erste Moment, wo ich oft da gestanden bin und gedacht hab[e]: wow! Alleine in der kurzen Zeit, in drei Stunden, eine Wohnung zu einer anderen zu machen, hatte schon eine Form von – in gewissem Sinne – Brisanz: dass das überhaupt möglich ist.
Und wenn dann Schauspieler und Schauspielerinnen ihre Szenen wirklich gut gespielt haben, sind dort 30 Menschen Team mucksmäuschenstill gestanden. Und es war Realität, also: es hat jeder gewusst, er steht auf einem Set, das gibt es jetzt alles nicht, das ist Fiktion. Und gleichzeitig gab es die zweite Realität, nämlich jene der Erzählung und dieses Wechselspiel, wo man sozusagen als Zuschauer, wenn das gegriffen hat, betroffen war. Wenn diese Frau den Mann jetzt geliebt hat und gerade unglücklich ist, war man betroffen, obwohl man gewusst hat: das ist alles nicht echt. Und ich glaube, dieses Wechselspiel, das dem Dritten ermöglicht, zu einer Identifikation zu gelangen …,
LK:
die zugleich keine ist,
AR:
die zugleich keine ist, die ermöglicht sozusagen Katharsis oder Realitätsöffnung oder Erkenntnisfindung, je nachdem was vielleicht gerade in einem Dritten stattfindet, ja, selbst wiederum stattfindet. […] Ich glaube, gerade de[n] Auftrag an die Katharsis – genauso wie [dieser] in der Religiösität, in der religiösen Kunst immer ganz stark auftrat – und dieses Wechselspiel zwischen den Realitäten hat ja Claude Lévi-Strrauss sehr schön beschrieben: wo in einem Ritus die Maske jetzt das Krokodil ist, dieselbe Maske aber im nächsten Moment der Bananenstrauch ist. Und wechseln darf, und Bedeutung wechseln darf.