Archive for the 'leander kaiser' Category

Leander Kaiser 10

Leander Kaiser, painter, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/23_lk.mov

AR:
Du sprichst ja auch mit den Menschen, Leander. […] Deine Figuren sind Menschen, die Handlung auf der Leinwand entwickeln. Ich glaube, dass Leander Kaisers Figuren nie statisch sind, sondern in Bewegung. Ist Dir Anliegen, den Blick des Beobachters sozusagen zu irritieren? Was ich bei […] Stylianos [Schicho, Anm. AR.] merke: da gibt es diesen Irritationsmoment, einen Bruch aufzumachen, wodurch sozusagen Betrachtung auch wechseln kann und Ebene wechseln kann ….

LK:
Nein, ist mir eigentlich kein Anliegen. Da bin ich insofern naiver. Ich bin […]da eher ein biss[chen] naiver Bildregisseur, gewissermaßen. Ich hab[e] eine Bildidee, die einfach immer irgendwo in einer Situation besteht, die ein biss[chen] vieldeutig ist – mag ich jetzt nicht im Detail beschreiben -, aber die eine Geste enthält, die das Bild auch konstituiert zugleich, oder eine Reihe von Gesten, die das Bild konstituieren, wo sowohl körperliche wie symbolische Handlungen stattfinden. Und dann versuche ich diese Figuren adäquat zu besetzen mit guten Schauspielern gewissermaßen, d.h. ich versuche überhaupt erst jemanden zu finden, der mir diese Rolle spielt.

Leander Kaiser 09

Leander Kaiser, painter, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/19_lk_sb.mov

LK:
[… Das Theater] intendiert eigentlich, ein Bild zu sein, aber es schafft nicht, ein Bild zu sein.

SB:
Aber all diese Dinge, die Sie jetzt genannt haben mit Dialogen und Text, das sind ja Konventionen. Ich denke, was Theater tatsächlich ausmacht, ist eben – wie man es in der Theatertheorie nennt – die leibliche Ko-Präsenz, also: dass tatsächlich Menschen miteinander da sind.

http://www.datonet.at/kanonmedia/20_lk_ar.mov

LK:
Es ist nicht bloße Performativität, dann wäre es nämlich auch wieder vom Ritual nicht abzugrenzen.

SB:
Sondern? […]

LK:
Nein, weil sonst wär[e] es ja kaum zu unterscheiden – das Theatralische von irgendwelchen Leuten, [… bei denen] kultische Tänze stattfinden oder von steinzeitlichen Jägern, die Tiere nachstellen. Obwohl wir natürlich sehr wohl einen Ursprung des Theaters [finden], in dem sozusagen die Verdoppelung – dass ein Individuum, das nun zugleich ein Krokodil ist – [enthalten ist]. Da ist natürlich schon etwas d[a]rin vom Theatralischen, aber das Theatralische muss schon irgendwo darüber hinausgegangen sein im Laufe der Zeit.

AR:
Ich meine, […] diese Methodik der Erzählung zugunsten – sei dies jetzt Erziehung, Ethik oder Erkenntnisfindung -, zugunsten einer Realitätseröffnung und genau dieses Spiel zwischen den Abbildungen, zwischen den vorhandenen Ebenen ist […] etwas, das sowohl in der bildenden Kunst wie im Theater […] wahrscheinlich das Ausschlaggebende schlechthin ist.

Mich erinnert das z.B. … Ich war ja zehn Jahre für Film und Theater tätig als Kostümerin, und wir hatten meistens um 6 Uhr in der Früh Produktionsbeginn, wo unsere verschlafenen Schauspielerinnen und Schauspieler angetreten sind und wo wir z.B. in eine Wohnung als Drehort gekommen sind, die so und so aussieht. Und um 9 Uhr, wenn dann alle halbwegs erholt und hergerichtet diesen Set-Raum wieder betreten haben, in dem bis dahin die Ausstatter gearbeitet ha[tt]en und das Licht, war der Raum völlig anders eingerichtet, hatte eine völlig andere Atmosphäre, und es war so der erste Moment, wo ich oft da gestanden bin und gedacht hab[e]: wow! Alleine in der kurzen Zeit, in drei Stunden, eine Wohnung zu einer anderen zu machen, hatte schon eine Form von – in gewissem Sinne – Brisanz: dass das überhaupt möglich ist.

Und wenn dann Schauspieler und Schauspielerinnen ihre Szenen wirklich gut gespielt haben, sind dort 30 Menschen Team mucksmäuschenstill gestanden. Und es war Realität, also: es hat jeder gewusst, er steht auf einem Set, das gibt es jetzt alles nicht, das ist Fiktion. Und gleichzeitig gab es die zweite Realität, nämlich jene der Erzählung und dieses Wechselspiel, wo man sozusagen als Zuschauer, wenn das gegriffen hat, betroffen war. Wenn diese Frau den Mann jetzt geliebt hat und gerade unglücklich ist, war man betroffen, obwohl man gewusst hat: das ist alles nicht echt. Und ich glaube, dieses Wechselspiel, das dem Dritten ermöglicht, zu einer Identifikation zu gelangen …,

LK:
die zugleich keine ist,

AR:
die zugleich keine ist, die ermöglicht sozusagen Katharsis oder Realitätsöffnung oder Erkenntnisfindung, je nachdem was vielleicht gerade in einem Dritten stattfindet, ja, selbst wiederum stattfindet. […] Ich glaube, gerade de[n] Auftrag an die Katharsis – genauso wie [dieser] in der Religiösität, in der religiösen Kunst immer ganz stark auftrat – und dieses Wechselspiel zwischen den Realitäten hat ja Claude Lévi-Strrauss sehr schön beschrieben: wo in einem Ritus die Maske jetzt das Krokodil ist, dieselbe Maske aber im nächsten Moment der Bananenstrauch ist. Und wechseln darf, und Bedeutung wechseln darf.

Leander Kaiser 08

Leander Kaiser, painter, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/18_lk_ar.mov

AR:
Mich erinnert das ein [… bisschen] an die Inszenierungsformen von Zadek, wenn ich dem zuhör[e]: wo Zadek ja immer auch mit einer Form der Überhöhung gespielt hat, […] wo er seine Figuren inszeniert, aber gleichzeitig noch [ein]mal in einer Überhöhung inszeniert.

LK:
In ein höheres Bild, in ein Bild hineinprojiziert, in ein Gesamtbild hineinprojiziert. Shakespeare ist ein Meister in dieser Hinsicht – ob du ihn liest oder ihn schaust -, wobei die Aufführungen, die du da hast, eher eine Störung der Vorstellung sind.

AR:
Mich erinnert das ganz stark an das Werk von Zadek, muss ich sagen.

LK:
Ja.

Leander Kaiser 07

Leander Kaiser, painter, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/17_lk.mov

Es kommt natürlich im Bild etwas dazu, was das Theater nicht kann. Das Bild kann das Zeigen des Zeigens zeigen, und zwar als Erscheinung des Bildes. Damit überschreitet es natürlich […] die Erscheinung – die natürlich wieder defizitär gegenüber der Lebendigkeit des Geschehens ist, die also sozusagen erscheint. Wenn es große Qualität hat, erscheint das Bild, und innerhalb dieses Erscheinens zeigt es das Zeigen des Zeigens. Beispiel dafür ist ein sehr gutes Bild von Jasper Jones, The American Flag: das ist das Bild als Erscheinung und das Zeigen des Zeigens, also des Symbolischen. [Das] hast du da gleichzeitig drinnen [….] Wenn man das jetzt mit dem Theater vergleicht, dann hat das Theater sehr wohl diese Dimension des Zeigens und im Gesamtbild dann aber, das ist nur als Vorstellung inszenierbar im Theater, hat es dieses große Bild.

Leander Kaiser 06

Leander Kaiser, painter, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/16_lk.mov

Dass es sozusagen von der Identität befreit und eine neue Identität im Kreislauf zwischen Rolle und Maske schafft, das hat natürlich das Theater zum großen Befreiungsorgan gemacht. Was nicht befreiend ist am Theater, ist die bloße Zeitzerstörung oder die bloße Beeindrucktheit. Das ist nicht die Befreiung. Diese Distanzierung bei gleichzeitiger Aufhebung dieser Distanzierung und wieder Rückkehr zur Distanzierung, das ist ja das [Phänomen], das Geniale sozusagen des menschlichen Verhaltens, das man Theater nennt.

Leander Kaiser 05

Leander Kaiser, painter, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/15_lk.mov

Allerdings ist das Bild bereits wieder [et]was anderes. Das Bild zeigt diese Handlungen […]. Das ist schon nicht mehr dasselbe, wie wenn man das ganz unbefangen spielerisch tut, als Kind. Die agierenden Personen – und das ist sehr deutlich bei [… Stylianos Schicho] – schauen gleichzeitig immer ins Publikum, sie schauen eigentlich immer, einen Augenwinkel haben sie immer dorthin, woher der Betrachter schaut. Ihre Aktion ist zugleich immer eine darstellende Aktion. Das ist natürlich wiederum das Theatralische.

Alexandra Reill 16

Alexandra Reill, media artist/film maker, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/10_ar.mov

AR:
Ich möchte gerne noch bei dieser Verselbständigung eines Werkes bei gleichzeitig[em] Ident-mit-sich-selber-werden [bleiben]. Da würd[e] ich gern beim Theater ein bisschen auch nachfragen: sind das vergleichbare Schaffensprozesse? Und da muss man wahrscheinlich unterscheiden: die bei SchauspielerInnen stattfinden, bei regisseurInnen …. Welche Rolle spielt da die Verselbständigung des Werkes? Man wird auch da sicher davon ausgehen können: nicht alles findet so statt wie sich das ein/e RegisserIn im voraus denkt oder auch ein/e DarstellerIn vorab ausdenkt. Es wird überhaupt – nachdem es ja auch Teamwork ist im Unterschied zu der Malerei, was ja eine sehr einsame Tätigkeit eigentlich ist im unterschied zu Teams, die hier zusammenwirken – … auch da wird es also sozusagen eine Verselbständigung geben. Wo wird [Theater] sozusagen ident mit sich selbst? Gibt es da Parallelen im Theater, so wie sie Leander Kaiser für die Malerei ein bisschen beschrieben hat?

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