Archive for the 'alexandra reill' Category

Alexandra Reill 31

Alexandra Reill, media artist/film maker, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_1_ar.mov

kanonmedia hat im Jahre 2007 und zu Beginn 2008 eine Studie durchgeführt, die zum einen die Einkommensverhältnisse von KünstlerInnen im internationalen Feld, aber auch in Österreich versucht hat zu ermitteln bzw. gab [e]s auch inhaltliche Module, die […] die Motivationen und Zielsetzungen künstlerischer Produktion wie auch die Verankerung von Funktionen und Rollen des Künstlers, der Künstlerin in einer Gesellschaft [nachgefragt haben].

Ich möchte insofern ganz gerne mit den Einkommensverhältnissen beginnen und die Ergebnisse der Studie kurz vorstellen, um dann gleich auch einmal [… in] eine erste Gesprächsrunde mit den ReferentInnen überzugehen.

Sicherlich eines der wichtigsten Ergebnisse ist, dass nur 81,82% der TeilnehmerInnen aus dem In- und Ausland - wobei man sagen kann: rund 70% sind Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Hauptwohnsitz in Österreich gewesen –, dass also […] 81,82[%] international und 83,33% der KünstlerInnen [mit Hauptwohnsitz in Österreich] angegeben haben, dass sie nicht ausreichend von ihrem künstlerischen Einkommen leben können.

Es haben nur 18,18% der TeilnehmerInnen angegeben, dass sie vollständig von der künstlerischen Produktion einen Lebenserwerb bestreiten können, von diesen allerdings haben wiederum 75% angegeben, dass sie entweder in einem angewandten Feld, z.B. in der darstellenden Kunst oder in der Architektur, tätig sind, oder sie haben angewandte Felder als gleichwertig, in ihren Augen gleichwertig, mit der experimentellen Produktion angegeben - also KünstlerInnen z.B., die als gleichwertig angegeben haben das Unterrichten und die künstlerische Produktion und trotzdem gesagt haben, sie können ausreichend aus diesem Einkommensmodell ihre [… Ein]künfte bestreiten.

Wenn man das herunter bricht, sind das nur mehr rd. 6% aller KünstlerInnen, die im experimentellen Feld ihr Einkommen nur aus der künstlerischen Produktion erwirtschaften können.

Meiner persönlichen Meinung nach ist das, glaub[e] ich, doch ein ziemlich eklatantes Ergebnis, das vor allem allen so positiven Ergebnissen aus allen Creative Industries-Studien, die auf EU-Ebene kolportiert werden seit dem Jahre 2000 - oder auch auf städtischer Ebene [in Wien, Anm. AR]: 2004, Papier zu Creative Industries -, [widerspricht]. Es scheint bei weitem nicht so rosig auszusehen wie diese Studien belegen.

Gleichzeitig kann man aber auch sagen, dass 72,73% [der TeilnehmerInnen an der Studie Kunst im Trend? Artists’ Voices., Anm. AR] dennoch die künstlerische Produktion inhaltlich als den Hauptberuf ansehen, d.h.: wir haben mit einer sehr großen Divergenz zwischen dem inhaltlichen Fokus und dem Fokus auf den wirtschaftlichen Erwerb zu tun.

Alexandra Reill 31

Ricarda Denzer, artist, A

Das entspricht auch […] den jüngsten internationalen Analysen, die auf EU-Ebene durchgeführt wurden, wo China und Japan im Vergleich zu Europa - also zu diesen Hochkulturmetropolen wie London, Paris und auch Wien mit seiner monarchistischen Verkaufbarkeitskultur, die hochlukrativ ist, die Millionen von Euros international einspielt – […] boomen. Dort haben zum Beispiel auch Museen eigentlich keine, so gut wie keine oder gar keine, staatliche Subvention, sind aber profitabel, stellen Grossaustellungen zusammen, Blockbuster-Ausstellungen, und lassen die[se] durch die Welt touren. [Das] sind internationale Touren, die erwirtschaften unglaubliche Einnahmen. Das heißt: da passiert sehr viel.

Wenn jetzt nicht ein paar Superstars sind, um die wir uns wirtschaftlich sicher keine Sorgen machen brauchen, dann [… ist] es aber alles, was sozusagen an experimentell-zeitgenössischer [Produktion besteht]. Grob gesprochen: je näher es an den Mittelstand heranrückt - und nach den paar Superstars fängt da ja bald der Mittelstand an -, desto mehr muss man davon ausgehen, dass die Institutionen selber und sozusagen Verwaltungsangestellte entlohnt werden, dass aber die InhaltsproduzentInnen selber so gut wie gar nichts von dem Kuchen haben.

Alexandra Reill 30

Ricarda Denzer, artist, A

AR:
[…] Da muss man, glaube ich, auch unterscheiden: einerseits Interessensgemeinschaften im Sinne von Interessensvertretungen. Da ist in den letzten Jahren ein bisschen etwas passiert, die IGs haben verstanden, dass sie sich wahrscheinlich eben aufgrund von steigender Prekarität auch verstärkt um diese Situation zu bemühen haben, und es bleibt zu hoffen, dass […] konkrete politische Verhandlungen auch Erfolg haben, also z.B. große Debatte seit zwei Jahren: Abschaffung der Untergrenze für die KünstlerInnensozialversicherung. [Das ist ein Thema …], wo die IGs als LobbyistInnen tätig sind, also da gibt es ein bisschen […] Entwicklung.

Das andere sind auch zwei wichtige Termini im Kontext Creative Industries: wenn man also Zusammenschlüsse versteht entweder als Cluster, d.h. als Netzwerke, die miteinander kooperieren, die austauschen, die Informationsaustausch betreiben bzw. einander sozusagen oft in Form von [einer] Art von Tauschhandel unterstützen, indem Equipment gegenseitig hergeborgt wird, also wo kein Geld fließen muss, dann ist das ein Bereich der ganz stark auch auf strategiepolitischer Ebene forciert wird – […] bis hin zu den so genannten Hubs, das wären bei uns die Kompetenzzentren: wo also Häuser, Infrastruktur begründet werden - etwas wie die q21 Electric Avenue, die Zeile im Museumsquartier, wo sozusagen mehr oder weniger infrastrukturale Ressourcen angeboten werden, um verstärkt Produktion zu fördern.

Ob das jetzt wirklich für freischaffende KünstlerInnen so funktioniert, sei dahingestellt, muss ich wirklich sagen. Ich kenne es aus dem Theaterbereich: da wurde seit dreißig Jahren …, - oder jetzt brut z.B. -, seit dreißig Jahren wurde diskutiert: wir gründen einen Pool an Equipment und ein Netzwerk an VeranstalterInnen, die Räumlichkeiten zur Verfügung haben, und wir teilen das. Das hat bis heute nicht gegriffen, war nicht möglich, wurde von den KünstlerInnen nicht genutzt.

Alexandra Reill 29

Ricarda Denzer, artist, A

Publikumsstimme:
Ich möchte noch einmal nachhaken: ich weiß nicht, ob das Bestandteil vom Fragebogen [in der Studie Kunst im Trend? Artists’ Voices., Anm. AR.] war, aber [Frau Reill,] Sie haben sich ja sicher auch so stark mit der Thematik beschäftigt: was [sind] jetzt eigentlich wirklich die meisten freischaffenden Künstler […] – offiziell, beruflich? Sind sie Freie Dienstnehmer oder sind das dann wirklich Unternehmer? Oder Angestellte?

AR:
Da gibt es meiner Ansicht nach noch immer eine große Tabuisierung, insofern, als man wahrscheinlich - und deswegen ist das sehr schwierig in Prozentsätzen zu sagen – […] davon ausgehen [könnte], dass wahrscheinlich 70% KMUs sind, also EinzelunternehmerInnen. Es haben aber sicher nicht die 70% eine Steuernummer, weil sie oft so viel weniger verdienen als überhaupt nötig ist, um eine Steuernummer zu betreiben, also noch viel, viel schlechter verdienen als angenommen wird. Wahrscheinlich ist da ein Schnitt von 1.000 Euro im Monat gar nicht der richtige, oder: aus dem Jahr 2007 gibt es von der bundesdeutschen Regierung eine Meldung, dass alle, die bei der bundesdeutschen Künstlersozialversicherung gemeldet sind - in Deutschland alle KünstlerInnen und PublizistInnen -, mit einem Jahreseinkommen von rd. 11.000,– Euro auskommen müssen. Das sind aber nur jene, die überhaupt vorliegen, denn die, die bei der Künstlersozialversicherung registriert sein dürfen, müssen auch eine Steuernummer haben.

Bei uns [in Österreich] ist es inzwischen so, dass die KünstlerInnen sich überhaupt bei der [… Sozialversicherungsanstalt] der gewerblichen Wirtschaft versichern müssen, um der Künstlersozialversicherung beitreten zu können - was in dieselbe Richtung einer gesellschaftlichen Entwicklung verweist: eine Gewerbe-, eine DienstleisterInnenorientiertheit. Deswegen gibt es da ein Tabu. Ich würde sagen, mindestens die Hälfte dieser 70% agiert eigentlich sozusagen ,schwarz’.

Alexandra Reill 28

Ricarda Denzer, artist, A

AR:
Irgendwie versucht man ja auch schon seit Jahren durch Findung von Zusammenschlüssen oder gemeinsamem Widerstand unter KünstlerInnen zu gelangen. Es ist mir noch nie gelungen, muss ich wirklich sagen. Zum einen verstehe ich es nicht, muss ich auch wirklich sagen. Zum anderen ist aber auch klar, dass es wahrscheinlich wirklich eine Frage von Angebot und Nachfrage […] ist. Wenn ich sage: ich mach[e] es zu dem Preis nicht, macht es der nächste schon alleine, weil er/sie froh ist, Ausstellungsmöglichkeit zu haben, zeigen zu können.

Und wenn es so ist, dass KünstlerInnen sowieso weitermachen, weil sie es wollen - das ist auch ein altes Argument in der Kunstförderung: kein Problem, wir können die Förderungen kürzen, die produzieren sowieso.

Publikumsstimme:
Ja, aber nicht alle.

AR:
Nicht alle, aber die, die es durchhalten.

Publikumsstimme:
Aber die, die da nicht mitspielen, die müssen immer Kabel schleppen, so z.B. meine Mitarbeiterin: ich kann so nicht arbeiten, wie du arbeitest, ich brauche […. Geld], ich muss irgendwie meine Miete bezahlen. Ja, dann hat sie einen Job in Klosterneuburg aufgenommen bei einer Audiofirma und dort schleppt sie Kabel, so wie immer. Und dafür bekommt sie bezahlt, nicht für die kreative Idee.

Alexandra Reill 27

Ricarda Denzer, artist, A

Publikumsstimme:
[…] Mich hätte nur interessiert, was jetzt so die Grundaussage war der Leute, die d[en Fragebogen der Studie Kunst im Trend? Artists’ Voices, Anm. AR.] ausgefüllt haben, bzw. was eigentlich überraschend war, weil es ja auch anonym auszufüllen war.

[…]

AR:
An Überraschungen sind schon ein paar Detailargumente - für mich persönlich jetzt - als Überraschung eingetroffen. […] Wenn man sagt: der Fragebogen ist vielleicht in die folgenden Module gegliedert: a) […] Stammdatenerhebung: in welchem Genre arbeiten die KünstlerInnen, Alter, Herkunft, Gefühl kultureller Zugehörigkeit. [b)] Dann ging es weiter […] mit den Anliegen, Zielsetzungen, Bestrebungen in der Kunstproduktion. Da war natürlich zu erwarten, dass Ziele …. Ziele in der Kunstproduktion ist eine Formulierung, die von KünstlerInnen grundsätzlich nicht so schnell gewählt wird. Ich muss sagen, ich hab[e] es aber absichtlich so formuliert, ich bin absichtlich die Sprache der Creative Industries gegangen, um genau da nachzuhaken.

P/p - W:
Unsere letzte Ausstellung haben wir Der Weg ist das Ziel betitelt.

AR:
Zum Beispiel. Es gibt natürlich auch einige KünstlerInnen, die da sagen: Kunst hat kein Ziel, so kann man das nicht angehen. Es gibt aber andere, die sehr wohl Ziele angeben - wo die wichtigsten Argumentationsreihen sind: a) auszudrücken bzw. ästhetische Forschung zu betreiben, also eine Relation zwischen Formen und Inhalt in stimmiger klarer Relation auszudrücken. Das war, glaube ich, eines der wichtigsten Argumente.

[b)] Es gab einen großen Anteil an KünstlerInnen, die sehr wohl einen Beitrag zu Gesellschaft leisten möchten mit ihrer Arbeit. Manche davon drücken sich dezidiert politisch aus, sagen: wir wollen - unser job ist - Kritik auszuüben, unser job ist, auf Missstände aufmerksam zu machen, unser job ist, Fehlstellen - so wie Du[, Brigitte,] das ausdrückst - zu finden und sichtbar zu machen, wobei das Maß [an politischer Haltung schwankt]. Manche weisen dezidiert darauf hin, dass sie nicht politisch in einem klassisch-operativen Sinne vorgehen möchten, sondern sozusagen in einer Subjektivierung, in einer Umkehrung, in einer Forschung, Suche, Erweiterung von Perspektiven bis eben hin zu Schaffung von Realität. Es ist natürlich anzunehmen, dass einige der Argumente sich überschneiden, das kann ich aber so nicht vorwegnehmen.

Was z.B. für mich überraschend war: ich habe bestimmte Klassiker an Postulaten, die jetzt so seit 100 Jahren in der Kunstproduktion genannt werden, vorgegeben, postuliert, und habe auf diesem Wege z.B. nachgefragt: glauben Sie, dass Kunst immer schon Vorreiterin gewesen ist? Das sind, glaube ich, [rd.] 10% der KünstlerInnen, die das glauben - eine für mich überraschende Aussage. Ich hätte gedacht, dass mehr KünstlerInnen z.B. an so eine Argumentation glauben.

Auch das Verhältnis - um das nur kurz abzuschließen - zwischen Genie, Glauben an Genialität des Künstlers, also d[er] alten Hierarchie der Autorenschaft von Kreativschaffenden im Vergleich zu oder auch oft kombiniert mit fast religiösen Ansätzen wie: ich möchte das Heile, Gute wahrnehmen und darstellen und zu einer Verbesserung der Welt - also dann auch ethisch-politisch, wenn nicht religiös – [beitragen], ist doch auch vertreten, befindet sich aber sicherlich in einem regen Diskurs mit Ansätzen, die z.B. sagen: ich sehe das so überhaupt nicht. Mir ist Kommunikation wichtig, mir ist der Rückfluss in Partizipation in einer Rezipienz wichtig, und nur so kann ich Kunst entwickeln. Da gibt es, glaube ich, einen großen shift auch in den Motivationen und Zielsetzungen von KünstlerInnen.

Alexandra Reill 26

Ricarda Denzer, artist, A

Publikumsstimme:
Ist nicht bei Werkverträgen auch schon eine Versicherung dabei? Weil bei Freien Dienstverträgen ist das ja so.

AR:
Wobei das auch ein bisschen täuschend angelegt ist meiner Meinung nach: ein Echter Werkvertrag definiert ganz klar jede Unternehmensform entweder […] ohne Gewerbeschein oder ohne Gesellschaftsform wie z.B. OEG oder Ges.m.b.H., etc., das heißt eben alle Neuen Selbständigen und eben auch KleinunternehmerInnen. Das ist etwas, auf das ich […] erst kürzlich gekommen bin: […] also auch ein Künstler gilt als Unternehmen, nicht nur als UnternehmerIn, sondern als Unternehmen - als wäre es eine Gesellschaftsform. Solche echten Unternehmerverhältnisse werden über Echte Werkverträge abgewickelt, und die Unternehmerin, der Unternehmer hat selbst Sorge zu tragen für Einkommensversteuerung und Sozialabgaben, Abfuhr von Sozialabgaben, bzw. den Umstand, dass er/sie versichert sein sollte - im Unterschied zu Freien Dienstnehmerverträgen, wo inzwischen auch schon eine Arbeitslosenunterstützung enthalten ist und Sozialabgaben, aber keine Einkommenssteuer. [… Diese] muss man auch [abführen], d.h. es ist auch eine Form [von Unternehmertum], eigentlich noch eine viel ungünstigere als der Echte Werkvertrag, weil man in der Sekunde, [… in der] man diesen Vertrag eingeht, die Abgaben abführen muss, egal, welchen Gewinn man am Ende des Jahres erzielt. Man hat keine Geschäftssteuerungsmöglichkeiten mehr.

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