Archive for August, 2008

Alexandra Reill 48

Alexandra Reill, media artist/film maker, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_48_jz.mov

Julia Starsky im Publikum:
Für mich sind da zwei Punkte: das eine ist eben dieses: Gewinnabsicht und Existenzsicherung, und das sind zwei völlig unterschiedliche Dnge. Und aber eben auch dieses: Gewinn jetzt im Sinne von symbolischem Kapital oder wie auch immer Kapital jetzt mit der Kunst zu erwirtschaften. Und da halt[e] ich die Kunst für schwer verdächtig, sich das schön zu reden, weil [e]s eigentlich kaum in einem anderen Beruf so viel symbolisches Kapital zu gewinnen gibt und so hohe Spannen zu erzielen sind, […] von Null bis Hundert. […] Ein Ding kann nichts wert sein und im nächsten Moment Millionen. Also, ich glaub[e], da ist schon sehr viel Gewinnabsicht dabei, bei jeder künstlerischen Tätigkeit sozusagen.

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_49_jz_ar.mov

Julia Starsky im Publikum:
Aber vielleicht liegt [e]s nur an der Formulierung. Ich finde das einfach irrsinnig irritierend zu sagen: mit keiner Gewinnabsicht. Das kann nicht sein. Das glaube ich nicht.

AR:
[…] Aber es liegt vielleicht auch an dem Maß an Orientiertheit an Marktwirtschaft. Es hängt auch davon ab, wie weit verfolge ich sozusagen oder promote auch eine Superstaridee, weil ich mich im Rahmen marktwirtschaftlicher Konditionierung verhalte? Weil: da ist das klar. Da muss ich auch, wie Du[, Franziska Maderthaner, Anm. AR.] vorher z.B. gesagt hast, der erfolgreichste Finanzmanager im besten Anzug – besser Armani als Boss – sein. Da geht das Hand in Hand mit einer Form von Identitätsprägung.

Da stellt sich vielleicht aber die Frage: welche anderen Formen von Identitätsfindung und -definition gibt [e]s erweiternd zu kapitalwirtschaftlicher, marktwirtschaftlicher Auffassung oder auch jenseits davon? Das ist vielleicht auch Thema, vielleicht auch zeitgenössisches Thema.

Alexandra Reill 42

Alexandra Reill, media artist/film maker, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_46_jz.mov

Julia Starsky im Publikum:
Keine Gewinnabsicht – das kommt mir in dem Zusammenhang total absurd vor, obwohl ich jetzt nicht weiß, welchen Begriff man jetzt vernünftiger einsetzen soll. Weil gerade in der Kunst: es gibt symbolisches Kapital. Und ich glaub[e], dass gerade Künstler mit einer immensen Gewinnabsicht einsteigen, nämlich sowohl Kapital als auch symbolisches Kapital zu erwerben. Ich kann mir fast keinen Beruf vorstellen, wo mehr Gewinnabsicht die treibende Kraft ist quasi zu tun.

Das wird sehr oft – meiner Ansicht nach – beschönigt, in vielen Zusammenhängen. Wenn ich jetzt nur Reputation nachrenn[e], ist es quasi keine Gewinnabsicht, obwohl symbolisches Kapital immer in Kapital umgewandelt werden kann von dem, der es kann.

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_47_ar.mov

Das ist vielleicht der Diskurs: wird da die Grundsicherung zu zu sicherem Boden oder braucht es den Impetus von Gewinnorientiertheit, um lebendige Weiterentwicklung von Kunst zu fördern? Ist ein alter Diskurs, kann man sagen, wo es immer diese unterschiedlichen Positionen gibt. Schwierig zu beantworten, natürlich. […] Da möchte ich für mich persönlich gerne eine Antwort geben: ich bräuchte die Gewinnabsicht dahingehend, dass ich von der Kunst leben muss, nicht unbedingt. Was ich von der Kunst für mich brauche, sind inhaltliche Ergebnisse. Dort suche ich Erkenntnisgewinne. Aber ob das jetzt sozusagen wirtschaftliche Gewinnorientiertheit oder wirtschaftliche Gewinnabsicht ist, ist [… eben] eine alte Frage: ob es das eine mit dem anderen unbedingt gemeinsam auch braucht?

Michael Wimmer 08

Michael Wimmer, art mediator, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_45_mw.mov

Das waren ja […] fast so Erbpachten, wo es bestimmte Existenzweisen im Institutionellen gegeben hat. Und wenn der Typ einmal dort gewesen ist, dann war irgendwie, ob jetzt Handschlag oder weniger Handschlag, eigentlich bis zum Lebensende klar, dass diese Position dort besetzt war. Und da wünschte ich mir viel mehr Durchlässigkeit, Flexibilität, Entwicklung […] auch. Und wieder hängt das mit der Ausbildung zusammen: bin ich in der Lage, mich auf Märkten, auch auf Arbeitsmärkten, zu verhalten und auch weiterzuentwickeln?

Michael Wimmer 07

Michael Wimmer, art mediator, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_44_mw.mov

Was ich da gerne noch einbringen möchte, ist eine spezifische Dimension, die ich bis jetzt im Förderzusammenhang besonders vermisse. Weil es ist ja das eine, da und dort an Förderung […], an Ankäufen beteiligt zu sein usw., und das zweite ist diese Schnittstelle, die sich gerade weg von den Ausbildungsinstitutionen hin in so [et]was wie freie Existenz […] ergibt […], diese Dimension von – will nicht sagen: Nachwuchsförderung.

Aber die ersten Jahre künstlerischer Existenz, ob die nicht noch einmal eine ganz besonders sorgfältige öffentliche Begleitung verdienen würden, durchaus auch aus ökonomischen Gründen: jetzt ist eigentlich sehr viel investiert worden in dieses Personal und jetzt rennen die [… da herum] und kennen sich nicht aus, was sie eigentlich tun sollen dabei.

Und es ergibt sich natürlich dann eine andere Geschichte mit den 55jährigen. Und da bin ich auch wieder völlig bei Ihnen[, Marie Ringler, Anm. AR.] dass das nicht in erster Linie eine genuin kulturpolitische, sondern eine sehr massiv soziale Frage ist.

Michael Wimmer 06

Michael Wimmer, art mediator, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_43_mw_ar.mov

MW:
Ich bin schon davon ausgegangen, dass das hier, die Ihr[, Team kanonmedia, Anm. AR.] hier [in der Studie Kunst im Trend? Artists’ Voices., Anm. AR.] untersucht habt, bildende Künstler gewesen sind, freischaffende.

AR:
Nicht nur. Man kann sagen, dass rd. 50% hauptsächlich aufgrund von Echten Werkverträgen tätig sind oder Werkverkäufen. Allerdings muss man sagen, dass unter diesen 83%, die nicht vollständig von der künstlerischen Produktion leben können, alle Arten von Kombinationen an Einkunftsmodellen vorkommen – seien das Kombinationen zwischen Teilzeitangestelltenverhältnissen, geringfügigen Beschäftigungen, Freien DienstnehmerInnenverträgen bis hin zu Berufsunfähigkeitspensionen oder dem Betrieb eines Unternehmens, eines Gewerbebetriebes.

Und von den Branchen her kann man sagen, dass rd. 30% Video- und Filmkunst angegeben haben als vorrangiges Medium, in dem sie arbeiten, gefolgt von Neuen Medien und digitaler Kunst, sicherlich auch noch 25% dann bildende Kunst im Sinne von Malerei oder experimenteller Objektkunst und 15 bis 20% dann aus der darstellenden Kunst, wobei sich das aufgeteilt hat zwischen Regisseusen und Regisseuren und Schauspieler[Inne]n bzw. gesanglichen Interpret[Inne]n oder Dramaturg[Inne]n, […] das hat sich dann so gestreut. So in etwa könnte man die Aufteilung [benennen, Anm. AR.].

MW:
Also: ich hör[e] schon heraus, dass es einen gewissen Schwerpunkt im visuellen Bereich gibt dabei, und auch in den sehr komplexen, aber jedenfalls freien Tätigkeitsfeldern.

AR:
Ja.

MW:
Ich würde davon nicht ableiten wollen, wie sind die Normalexistenzen von Tänzern und Tänzerinnen [an festen Häusern, Anm. AR.] oder vom Theater.

Paul Stepan 11

Paul Stepan, culture economist, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_42_ps.mov

Ich seh[e] das ja auch so, dass wenn jemand dann 45, 50 ist, zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre ein Theater aufgebaut hat, was soll der/die dann machen? Auf der anderen Seite ist es [… eben] auch wieder ein Problem, wenn ich sag[e]: ok, zehn, fünfzehn Jahre vor mir hat [e]s ein paar starke Jahrgänge ge[ge]ben, da wird das für mich nichts mehr, ich brauch[e] gar n[icht] mehr ansuchen, weil die Budgets sind sowieso alle vergeben und das biss[chen], das sie sich jetzt irgendwo zusammenkratzen, das vergeben sie […] nur mehr an Projekte weil […] mehr können sie sich einfach nicht leisten. Und eines zuzusperren, ja das macht kein Politiker. Das traut sich einfach kein Politiker, jetzt herzugehen und zu sagen: ok, wir schließen die Hälfte der Kellertheater und sperren nächstes Jahr neue auf, ja da kann er gleich zurücktreten.

Marie Ringler 06

Marie Ringler, municipal councillor and parliament member, representative for cultural policies of Die Grünen Vienna, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_41_ar_mr.mov

AR:
[Das] geht ja leider Gottes auch damit einher, dass sozusagen eine Form von Handschlagqualität [in Wien, Anm. Ar.] verloren gegangen ist oder immer mehr verloren geht. Also, es gab da früher so eine Art von unausgesprochenem Ehrenkodex: wer es einmal als Theaterdirektor mit mittlerem Haus und Förderung bis 55 geschafft hat, den heben wir bis zur Pension durch. Das geht mehr und mehr verloren im Unterschied aber dazu, dass verstärkt auf kürzere Förderung umgestellt wird. Erst seit kurzem hat man sich wieder bereit erklärt, auf zwei-bis-drei Jahresförderungen umzustellen …

MR:
Das stimmt so nicht.

AR:
Oder gar nicht mehr?

MR:
Das würde ich nicht so sehen. Dieser Ehrenkodex, der ist in den letzten Jahren entstanden, weil so lange gibt [e]s dieses System überhaupt noch nicht. Und man muss sich schon die Frage stellen, die eine schwierige Frage ist: ist es die Kunstförderung, die dafür zuständig ist sich zu überlegen, was bedeutet das, wenn jemand mit 55 aus künstlerischen Kriterien heraus keine Förderung mehr bekommt?

Oder ist es eine Frage die vielmehr woanders zu lösen ist? […] Ich finde, dass das zwar ehrenhaft ist, dass man sagt, man will Menschen nicht in die Armut schicken. Das ist wichtig und richtig und man muss ja auch Antworten darauf haben. Aber ob es die Kultursubventionen sind, die das tun müssen, das wag[e] ich jetzt einmal eher zu bezweifeln.

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