Leander Kaiser 01

Leander Kaiser, painter, A

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AR:
Leander, Du bist ja seit Jahrzehnten in der figurativen Malerei fokussiert, wie geht es Dir mit einem Konzeptionalismus, oder sind das für Dich zwei Strömungen, die da bestehen?

Leander Kaiser:
Der Konzeptionalismus hat immer gewisse psychologische Experimente, bei denen z.B. behauptet wird, dass der Mensch unfrei sei, weil er schneller reagiert, wenn eine Fliege auf sein Auge zufliegt, als er darüber nachdenkt. Die Leistungsform des Konzeptionalismus ist sehr beschränkt, weil nämlich der Prozess – nämlich der Arbeitsprozess – zwischen dem sich konstituierenden Werk und dem Urheber dieses Werks sehr verkürzt ist. Die Malerei bietet einen grossen Vorteil: dass sie uns quasi eine künstliche Intelligenz aus ihrer Tradition zur Verfügung stellt, in der sehr viele Möglichkeiten vorgedacht, beiseite auch gedacht sind, die man aufdecken kann und die sozusagen immer wieder einen korrigierenden Einfluss ha[ben] in dem Werk, das du konstituierst, auf das, was du denkst. Das heisst, es überschreitet immer wieder auch das Denken, [während ...] der Konzeptualismus per se nicht in der Lage war, seinen eigenen Ansatz jeweils zu überschreiten im Werk. Das ist ein Problem, das ist sozusagen die Dummheit der Dienstleitungsgesellschaft, die sich im Konzeptualismus wie im Marketing genau in gleicher Weise offenbart.

Um auf einen anderen Punkt zu kommen, auf das Theatralische einmal, diese Frage die Du zuerst Bläske gestellt hast: es ist interessant zu verfolgen, dass nämlich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ja etwas Ähnliches passiert ist wie im Theater – mit dem Volksaltar. Man wollte die Schranke zwischen dem zelebrierenden Priester und der Gemeinde aufheben. Da wurde nicht mehr gepredigt von oben von der Kanzel, sondern der zelebriert jetzt inmitten der Gemeinde, am Volksaltar.

Etwas Ähnliches ist im Theater passiert, ungefähr zur selben Zeit. Momentan ist die Tendenz im Theater sowie in der katholischen Kirche wiederum, die Schranke aufzurichten, mehr oder weniger den Rahmen wieder bewusst zu machen, den Rahmen in dem das Theatralische oder das Rituelle stattfindet. Und jetzt kommen wir zu etwas, was wahrscheinlich … – der Theaterrahmen ist in Wirklichkeit die ursprüngliche Form des Bilderrahmens. Das Theatralische existiert in Europa vor dem Bild, das ist einmal ein Faktum. Die ganze Malerei seit der Antike, die antike Malerei insbesondere, die sich der Darstellung öffentlicher Ereignisse, theatralischer Ereignisse, gewidmet hat, bis hinauf ins 20. Jahrhundert war im Grund[e] eine theatralische Malerei.

Es hat dann im 20. Jahrhundert eine Tendenz gegeben, die gesagt hat: wir wollen das Theater weghaben. André Malraux im Prinzip – ich weiss nicht, wer das vielleicht gelesen hat -: der sagt, [...] die Verabschiedung des Theatralischen sei sozusagen das zentrale Ereignis in der Kunst, in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts. Das stimmt natürlich auch wieder kunsthistorisch nicht ganz, wenn man denkt an die Ideen Kandinskys und vieler anderer Zeitgenossen zum Thema des Gesamtkunstwerks, zur Theaterkomposition usw., wie sie im Blauen Reiter ja bereits publiziert waren, oder auch [an] die Konstruktivisten und Futuristen. Das ist ja ungeheuer theatralisch, was die[se Künstler] zum Teil gemacht haben. Nur wollten sie sozusagen die Darstellung, die Selbstdarstellung des Menschen durch die Darstellung einer Formsprache analog der Musik ersetzen und darin eine gewisse eine Transdisziplinarität – “ität” ist schon immer der Verrat an der Wahrheit – [erzeugen], da wollten sie eine gewisse Einheit der verschiedenen Formen – der Musik, der Geste, der Bewegung und der Farbe, das waren im Grossen und Ganzen [die Faktoren - erzeugen.] Die Sprache wollten sie draussen vor lassen, denn in der Sprache teilt sich der Mensch Gott mit, sie wollten anstelle dessen eine Mitteilung an Gott durch Vibrationen, und das Transdisziplinäre wäre gewesen die gemeinsame innere Notwendigkeit dieser verschiedenen Formen auf einander bezogen und zugleich die Vibration, die in der Seele des Betrachters ausgelöst wird. Damit ist sozusagen das Urbild der Transdisziplinarität [begründet,] das übrigens gespeist ist aus dem Ritus, – über Florenski z.B. – aus dem Ritus der russisch-orthodoxen Kirche.

AR:
So wie das Lateinische, das hat sozusagen auch durch Wiederholungen, das ist da, glaub[e] ich wichtig, Litaneien sozusagen, die ein Klangbild erzeugen, das Menschen ….

LK:
Ja, und es ist eine Art Gesamtkunstwerk, wo verschiedene da spielen: die Ikonen, die Ikonostase, der Weihrauch, die Musik, die dumpfen Stimmen der Priester usw. [spielen] eine Rolle.

AR:
Der Hall im Raum …

LK:
Der Hall im Raum, die Gewänder, das Licht, das da oder dort einfällt, der Lichtstrahl [...]. Ich möchte sagen, dass die Moderne in ihrer Transdisziplinarität, wo sie verschiedene Kunstwertungen versucht hat, in ein Gesamtkunstwerk sui genereis zu verarbeiten, sehr stark in der Nähe rituell-kultischer Formen war, und dass rituell-kultische Formen ja immer schon diese Tendenz zur Transdisziplinarität gehabt haben.

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