Archive for July, 2008

Alexandra Reill 33

Alexandra Reill, media artist/film maker, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_6_ar.mov

Ist es nicht überhaupt so in dieser Studie, also in der Konvention zur kulturellen Vielfalt, [dass] mit diesem Terminus kulturelle Vielfalt eigentlich eindirekt ethnische Vielfalt, also ein Spektrum verschiedener Bevölkerungsgruppen – sei das ethnisch gesehen, sei das Zugang zu Möglichkeiten durch sozial Schwächere, sozial stärkere Gruppen – [gemeint ist?] Ist es nicht vielmehr so, dass dieser Terminus ganz stark darauf abzielt […]?

Und auch sozusagen transnationaler Austausch: es wird ja auch in der Economy of Culture, 2005, also der letzten großen Studie im Kontext Creative Industries ganz deutlich hervorgehoben die Wichtigkeit des Austausches und der Einbindung von AnwärterInnenstaaten und Drittpartner[Innen]staaten, eigentlich um die eigene – wörtlich festgehalten -, um die die eigene Statistik zu stärken und also da auch regelmäßigen, stärkenden Austausch anzubieten.

Und mir kommt auch in der Konvention zur kulturellen Vielfalt viel mehr dieser Schwerpunkt vor Augen als jener zwischen – sag[e] ich jetzt einmal – experimenteller künstlerischer Produktion und Hochkultur zum Beispiel. Oder siehst du[, Paul Stepan, Anm. AR.] das nicht so?

Paul Stepan 01

Paul Stepan, culture economist, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_5_ps.mov

AR:
[Paul Stepan, Anm. AR.,] Du bist ja Kulturökonom und auch Creative Industries-versiert, kennst die Debatte sehr gut. Wie siehst Du das? […] Spannend auch aus diesen Ausführungen heraus ist für mich da z.B die Fragestellung: wie sieht [e]s da um ein Bewusstsein um soziale Fragestellungen, […] um die eigene soziale Positionierung unter KünstlerInnen aus? Kommt das überhaupt vor in den zeitgenössischen Überlegungen? Gibt es da wirklich so einen Unterschied zwischen Österreich und anderen Nationen, dass KünstlerInnen viel mehr noch immer – sei [e]s nicht ein Genietum, aber sozusagen auch – auf das eigene Besondere, also auf die Superstar-Rolle hinarbeiten oder ist das etwas, das künstlerischer Identität so innewohnt, dass da soziale Aufgabenstellungen von KünstlerInnen gar nicht im Bereich der Überlegungen wirklich vorkomm[en]?

Oder: wie äußert sich das – gibt es da aus der Kulturtheorie, aus der zeitgenössischen Reflexion wichtige Überlegungen?

Paul Stepan:
Naja, zum einen: Du hast jetzt in der Studie das Sample – [das] bezieht sich auf Künstler, Künstlerinnen, und Du hast es dann gegen geblendet gegen die Studien aus den Creative Industries – die umfassen ein komplett anderes Sample natürlich.

Marie Ringler:
Ja.

PS:
[…] Da würd[e] ich sogar sagen: seriöserweise sollte man in dem Sample der Creative Industries die Kunst [he]rausrechnen, weil wenn man die Kunst in die Creative Industries mit [hin]einzieht, dann kommt man in Teufels Küche mit dem Wettbewerbsrecht.

AR:
Was heißt das genauer?

PS:
Das heißt ganz einfach … also, man kann es international sehen: es gibt die UNESCO Konvention zu Cultural Industries …

AR:
Ja, zu kultureller Vielfalt.

… und zur kulturellen Vielfalt. Und wenn man jetzt da Kunst drinnen hat, ist das schön und gut. Wenn man sich allerdings dann wieder GATS und TRIPS anschaut, kann [e]s extrem gefährlich werden, wenn die[se] da drinnen sind. Denn dann schneidet man sich selbst den Ast ab, national, lokal Kunst zu fördern, d.h. man hat zwar dann auf der einen Seite schöne Lippenbekenntnisse zur kulturellen Vielfalt. Auf der anderen Seite: das, was gilt, ist Wettbewerbsrecht. Und damit ist die ganze kulturelle Vielfalt hinfällig, weil die[se] ist da nicht argumentierbar.

Michael Wimmer 01

Michael Wimmer, art mediator, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_4_mw.mov

Ich bitte das einfach auch ein Stück weg mit Vorsicht zu betrachten. Ich sag[e da]s vor allem auch vor dem Hintergrund, dass Ihr[, Team kanonmedia, Anm. AR] selber ja in diese Studie hineinschreibt, dass […] die Weltstars jetzt nicht drinnen sind, aber vielleicht auch einige bekannte Namen dabei. Worauf ich schlicht hinaus möchte, ist, dass wahrscheinlich noch nie so viel Kunst produziert worden ist wie jetzt gerade, und dass durchaus auch der von Ihnen[, Franziska Maderthaner, Anm. AR.] schon angesprochene Starkult eine wesentliche Rolle spielt dabei.

Und wenn wir schon beim Theoretisieren sind, habe ich manchmal den Eindruck, diese Art von künstlerischer Existenz ist auch eine Avantgarde von neoliberalistischen Tendenzen, nämlich dahingehend, dass sich dort die Konkurrenzgesellschaft am äußersten abbildet. Wir haben auf der einen Seite die Stars, die Weltmenschen, denen alle zujubeln, die wir gierig suchen in den Medien. Und wir haben auf der anderen Seite prekäre Arbeitsverhältnisse. Die Wenigen und die Vielen – das haben wir immer mehr in allen gesellschaftlichen Bereichen, und wir haben es ganz exemplarisch eben auch in diesem Bereich. Weil: diese Studie sollte nicht vergessen machen, dass es eine Reihe von künstlerischen Existenzen gibt, die unglaublich privilegiert sind, die unglaublich abgesichert sind. Und sehr viele, die eigentlich dorthin wollen.

Und jetzt sind wir schon bei den vielen Maßnahmen, wo Sie[, Franziska Maderthaner, Anm. AR.] schon angefangen haben zu reden. Und in der Tat ist eine Vermittlungstätigkeit auch eine solche. Da müssen wir aber vorher überlegen: was sind denn die eigentlichen Beweggründe von denjenigen, die eine künstlerische Ausbildung anstreben – im Sinn einer Erweiterung des beruflichen Profils. Weil wir haben da auch eine lange Geschichte der Erstklassigkeit und der Zweitklassigkeit: nämlich diejenigen, die [e]s nicht schaffen, z.B. in eine Meisterklasse zu kommen, die werden [… eben] dann Lehrer oder Lehrerinnen „daweil“. Das ist in Österreich ganz besonders so. Das erleb[e] ich in anderen Ländern etwas anders, wo [e]s nämlich ganz selbstverständlich auch ein vollwertiges Berufsprofil ist – ästhetischer Arbeit, nämlich, das als Lehrer, als Vermittler auch zu machen. Ich glaub[e], da muss in Österreich auch mentalitätsmäßig noch ein ziemlich weiter Schritt gegangen werden, weil nach wie vor geht [e]s in erster Linie um die Auslese der ganz wenigen gegenüber den ganz vielen anderen, die Ihr[, Team kanonmedia, Anm. Ar.] hier in erster Linie beschreibt.

Franziska Maderthaner 01

Franziska Maderthander, fine artist, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_3_fm.mov

[…] Was die Zahlen anbelangt, kann ich jetzt nur sagen: es stimmt. So in etwa ist die Situation. Wir haben von der IG Bildende Kunst und auch über den BBK usw. immer auch die aktuellen Zahlen aus Deutschland und Österreich bekommen. Das durchschnittliche Einkommen – das durchschnittliche – eines Künstlers – ich sag[e] jetzt bewusst Künstler – beträgt ca. 11.000,– Euro im Jahr, einer Künstlerin noch wesentlich weiter d[a]runter. Das muss man sich einmal vorstellen. Das ist wirklich sehr wenig. Das belegt ja diese Studie jetzt ja auch.

Was kann man machen? Das eine sind strukturelle Maßnahmen, politische Maßnahmen, gesetzliche Maßnahmen, wo die KünstlerInnen selber nichts dazu tun können, sondern wo die Politik aufgefordert ist, etwas zu tun. Das sind einerseits natürlich Dinge, wie bestimmte Förderungen noch zu verstärken. Das sind Dinge wie steuerliche Entlastung für KünstlerInnen bei der Gründung von Firmen, […] beim Aufbau von Projekten, bei Atelierförderung. Das sind Dinge wie das Folgerecht auch umzusetzen in Ländern, die das bis jetzt nicht haben, wie z.B. die Schweiz oder Amerika, einfach, um hier noch eine größere Einnahmequelle zu bekommen. Das sind viele Anreize, die man für die Wirtschaft machen kann, Freibeträge z.B., die man ausgeben könnte für bildende Kunst, und, und, und. Das ist eine ganze Liste, die es da geben könnte an gesetzlichen Rahmenhandlungen, die installiert werden könnten, wenn es eine Gesellschaft gäbe, die daran Interesse hat, dass hier etwas weitergeht.

Ein weiterer Punkt ist auch die Ausbildungssituation an den Universitäten. Das ganze Thema ist einfach ein sehr komplexes, deswegen muss ich jetzt alle diese ganz trockenen Fakten einfach erwähnen. In diesen Universitäten, Kunstuniversitäten, ist nach wie vor der Bereich Marketing und Wirtschaftsrecht etwas, das nicht vorkommt. Es ist einerseits so, dass es von der Seite des Gesetzgebers noch nicht vorgesehen ist. Universitäten dienen dazu hauptsächlich dazu, das Wahre, Gute, Schöne zu vermitteln und [sich] hauptsächlich […] um die Erforschung und die Erschließung der Künste und der Wissenschaften zu kümmern.

Diese Bereiche, dass man sagt, wir begeben uns auch auf diese – unter Anführungszeichen – niedere Ebene der Vermarktung – wie vermarkte ich das Stück – unter Anführungszeichen – Kunst, das ich produziere, ob das jetzt ein reales Artefakt ist, ob das jetzt auch eine Idee ist, ob das jetzt ein Möbelstück oder Architektur ist -, da fehlt also wirklich einiges.

Und da muss man sagen, dass auch ein bisschen die Künstler[Innen] selber schuld sind. Wenn ich jetzt gerade von der Angewandten [Universität für angewandte Kunst in Wien, Anm. AR.] rede: wir haben […] in den letzten, ich würd[e ein]mal sagen, fünfzehn Jahren in etwa ungefähr um 80% mehr Studierende. Also, es ist schon enorm. Die Universität platzt aus allen Nähten. Die Situation ist genauso aber auch auf der Bildenden [Universität für bildenden Künste in Wien, Anm. AR.] und genauso auch auf Universitäten im deutschsprachigen Raum.

Das hat den Grund, dass Kunst zu machen einfach wahnsinnig schick und in ist. Das ist ein großes gesellschaftliches Thema, über das wir hoffentlich in der zweiten Runde reden können. Man kann es ein bisschen vergleichen mit Lotto Spielen oder Wer wird Millionär?. Man sieht in den Medien immer wieder Superstars und denkt sich, da möchte ich eigentlich auch hin, das ist cool, das möchte[e] ich studieren, dann werd[e] ich vielleicht auch MillionärIn mit meiner Kunst – jetzt einmal so ganz platt ausgedrückt.

Aber im Endeffekt ist die Realität, die traurige, so, dass pro Jahrgang einer Meisterklasse einer Studienrichtung es ein, zwei vielleicht schaffen, erfolgreich jetzt im ganz klassischen Sinn zu werden, und eigentlich kann man sagen, alle fünf, sechs Jahre gibt es dann innerhalb einer Universität ein, zwei Personen, wo man sagen kann: das sind jetzt die wirklichen Superstars.

Es machen allerdings ungefähr 140 Leute das Diplom pro Jahr. Also: man muss sich [… eben] schon überlegen: was passiert mit diesen Leuten? Und da wär[e e]s sicher sinnvoll, wenn im Vorfeld schon oder im Rahmen des Studiums eine Aufklärung über die Einkommenssituation herrscht und auch gleichzeitig vielleicht parallel dazu auch schon angedacht wird, in andere Arbeitsfelder, die kunstadäquat sind, eventuell abzuwandern. […] Z.B. der Bereich Vermittlung ist für mich ein ganz wichtiger. Der bereich Schule: […] wenn wir vielleicht wirklich irgendwann einmal eine funktionierende Ganztagsschule haben, wär[e] so [et]was wie Künstler[Innen] in den Schulen etwas ganz […] Tolles.

Alexandra Reill 32

Alexandra Reill, media artist/film maker, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_1_ar.mov

Jetzt wollt[e] ich ganz gern einmal nachfragen bei unseren ReferentInnen: wie kann man damit umgehen? Welche kulturpolitischen [… Schlussfolgerungen] müsste man eigentlich ziehen aus so einem großen Anspruch, also ganz allgemein gesprochen, großen Anspruch – ich möchte Kunst machen, ich bin Künstlerin und trotzdem funktioniert es ganz offensichtlich wirtschaftlich nicht -? Welche Einkommensmodelle gilt es da anzudenken, die im Rahmen eines Kunstmarktes oder jenseits eines Kunstmarktes, also vielleicht [ … als andere] Einkommensmodelle, immer relevanter werden?

Alexandra Reill 31

Alexandra Reill, media artist/film maker, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_1_ar.mov

kanonmedia hat im Jahre 2007 und zu Beginn 2008 eine Studie durchgeführt, die zum einen die Einkommensverhältnisse von KünstlerInnen im internationalen Feld, aber auch in Österreich versucht hat zu ermitteln bzw. gab [e]s auch inhaltliche Module, die […] die Motivationen und Zielsetzungen künstlerischer Produktion wie auch die Verankerung von Funktionen und Rollen des Künstlers, der Künstlerin in einer Gesellschaft [nachgefragt haben].

Ich möchte insofern ganz gerne mit den Einkommensverhältnissen beginnen und die Ergebnisse der Studie kurz vorstellen, um dann gleich auch einmal [… in] eine erste Gesprächsrunde mit den ReferentInnen überzugehen.

Sicherlich eines der wichtigsten Ergebnisse ist, dass nur 81,82% der TeilnehmerInnen aus dem In- und Ausland – wobei man sagen kann: rund 70% sind Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Hauptwohnsitz in Österreich gewesen –, dass also […] 81,82[%] international und 83,33% der KünstlerInnen [mit Hauptwohnsitz in Österreich] angegeben haben, dass sie nicht ausreichend von ihrem künstlerischen Einkommen leben können.

Es haben nur 18,18% der TeilnehmerInnen angegeben, dass sie vollständig von der künstlerischen Produktion einen Lebenserwerb bestreiten können, von diesen allerdings haben wiederum 75% angegeben, dass sie entweder in einem angewandten Feld, z.B. in der darstellenden Kunst oder in der Architektur, tätig sind, oder sie haben angewandte Felder als gleichwertig, in ihren Augen gleichwertig, mit der experimentellen Produktion angegeben – also KünstlerInnen z.B., die als gleichwertig angegeben haben das Unterrichten und die künstlerische Produktion und trotzdem gesagt haben, sie können ausreichend aus diesem Einkommensmodell ihre [… Ein]künfte bestreiten.

Wenn man das herunter bricht, sind das nur mehr rd. 6% aller KünstlerInnen, die im experimentellen Feld ihr Einkommen nur aus der künstlerischen Produktion erwirtschaften können.

Meiner persönlichen Meinung nach ist das, glaub[e] ich, doch ein ziemlich eklatantes Ergebnis, das vor allem allen so positiven Ergebnissen aus allen Creative Industries-Studien, die auf EU-Ebene kolportiert werden seit dem Jahre 2000 – oder auch auf städtischer Ebene [in Wien, Anm. AR]: 2004, Papier zu Creative Industries -, [widerspricht]. Es scheint bei weitem nicht so rosig auszusehen wie diese Studien belegen.

Gleichzeitig kann man aber auch sagen, dass 72,73% [der TeilnehmerInnen an der Studie Kunst im Trend? Artists’ Voices., Anm. AR] dennoch die künstlerische Produktion inhaltlich als den Hauptberuf ansehen, d.h.: wir haben mit einer sehr großen Divergenz zwischen dem inhaltlichen Fokus und dem Fokus auf den wirtschaftlichen Erwerb zu tun.

PRINZGAU/podgorschek 33

PRINZGAU/podgorschek, fine artists, A

Publikumsstimme:
Aber da ist meiner Meinung nach in allen Berufen das Problem: ich sehe es ja im Freundeskreis, egal ob MedizinerIn oder – ich weiß eigentlich nicht was ich will -, aber ich sehe es in jedem Job eigentlich: man macht nie das, was man will, und man quält sich da durch und ist irgendwie gefangen.

P/p – W:
Aber wir machen ja das, was wir wollen.

RD:
Und leiden trotzdem.

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