Myriam Thyes 10
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AR:
Siehst Du Kunstproduktion als Beruf oder als Berufung oder anderweitig an?
MT:
Beides. Auch als Spiel.
AR:
Bei dem Begriff “Berufung” – kannst Du vielleicht näher beschreiben, was Du damit meinst?
MT:
“Berufung” ist vielleicht ein zu religiöses Wort - ich meine ein persönliches Bedürfnis, mich künstlerisch auszudrücken - das habe ich, seit ich zwei Jahre alt bin. Es umfasste zuerst Zeichnen, später auch Malen und Schreiben, gelegentlich auch Schauspielen / Sprechen im künstlerischen Sinn, dann kam Video hinzu und zuletzt Computer-Animation. Zum Glück gibt es noch ein paar andere Menschen, die mich zur Kunst “berufen” fühlen und denen meine Arbeit etwas gibt; denn so gerne ich zu meiner eigenen Unterhaltung künstlerisch arbeite, so wichtig sind mir doch die “Empfänger/innen” und ihre Reaktionen.
Ja, mein Gefühl für das Geistige und Menschliche in der Welt …. Und die andere Quelle ist die, dass ich mich über Dinge ärgere, die auf der Welt passieren, und das sind besonders Dinge, die mit Politik und mit Ungerechtigkeiten, mit Ungleichheiten zu tun haben, sei es zwischen den verschiedenen Rassen, den Geschlechtern, sei es zwischen arm und reich - also diese ganzen Systeme, wie die Gesellschaften aufgebaut sind. Die bieten natürlich immer wieder Anlass, etwas in die Gegensätze zu holen, (Was heisst das? habe ich so bestimmt nicht gesagt.) und da habe ich mir als Instrument eben die Beschäftigung mit Symbolen genommen. Ich arbeite sehr gerne mit Symbolen und Mythen, die ich dann verwandle, umwerte. Und mit dieser Arbeit mit Symbolen kann ich sehr gut diese beiden Quellen, also sozusagen die Protestquelle und die positive Quelle, zusammenführen.
Ich recherchiere Symbole, z.B. in politischen Objekten wie Flaggen, Weltkarten, oder eben auch religiöse Symbole wie das Yin & Yang, das Kreuz, und mit diesen Motiven und Symbolen versuche ich so zu arbeiten, dass ich ihnen eine aktuellere oder veränderte Bedeutung gebe oder auch ihre politischen Festlegungen auflöse und umschreibe. (Aus: „Kunst in NRW“, www.kunstinnrw.de, Video-Interview von Michael Gumnor mit Myriam Thyes, 2007, zum Gesellschaftlichen in der Kunst.)
AR:
Nicht zuletzt: Rezeption scheint Dir doch sehr wichtig zu sein … In welchem Zusammenhang manifestiert sich diese Relation zwischen Produzierenden und RezipientInnen, wie kannst Du einen Zusammenhang feststellen? Hat diese eine Auswirkung auf die Positionierung des „Kunstwerks“ in einer Gesellschaft bzw. bedingt sie – zumindest anteilig – die Feststellung von Qualitäthaftigkeit eines „Kunstwerks“? Bzw.: Wie wirkt Rezeption auf Dich als KünstlerIn bzw. auf Deine Kunstproduktion zurück?
MT:
Dies sind nun mehrere Fragen in einer …
Ja, auf jeden Fall wirkt die Rezeption auf die Kunstproduktion zurück, schon allein dahingehend, dass man als Künstler/in eher diejenigen eigenen Stränge weiter verfolgt, mit denen man Erfolg hat – ich glaube, das geht vielen Künstler/innen oft so, bewusst und unbewusst. Und teilweise ist diese „Selektion“ künstlerischen Ausdrucks auch richtig: ich merke bei mir selbst, dass ich mit dem, was mir liegt, was ich gut kann, auch mehr Erfolg habe. Es kann natürlich auch geschehen, dass Künstler/innen sich entmutigen lassen, wenn sie mit einer Arbeitsweise keinen Erfolg haben, und so ein schwieriges aber spannendes Werk verloren geht oder nicht weiter entwickelt wird.
Besonders schön ist diese Beziehung natürlich dann, wenn Betrachter/innen mir zu meinen Arbeiten ihre Gedanken und Assoziationen erzählen, auf die ich selbst nicht gekommen wäre, oder wenn sie umgekehrt genau das darin finden, worum es mir ging. So erhalte ich manchmal neue Anregungen für meine Arbeit.
Die „Qualitäthaftigkeit“ eines Kunstwerkes wird ja von Kurator/innen, (professionellen) Sammler/innen, Kunst-Auktionaren und Galerist/innen festgelegt. Sie sind in Kunst und Kunstwissenschaften oft gebildet und erfahren, somit hat ihr Urteil eine gewisse Berechtigung. Doch mir spielt zu oft das Geld eine Rolle im „Kunst-Gewerbe“ und in der Festlegung, welche Kunst, welche/r Künstler/in „gut“ sei. Über die Macht des Kunstmarktes könnte man jetzt lange sprechen …
Welche Kunst für gut befunden wird, dieses Urteil SPIEGELT bestimmt eine gesellschaftliche Situation. D.h. die Kunst, die ausgestellt wird, reflektiert den Zustand einer Gesellschaft. Umgekehrt bin ich weniger optimistisch: Ich glaube, dass heute nur wenige Kunstwerke und wenige künstlerische Strategien die Gesellschaft beeinflussen können. Ein wenig versuche ich dies mit FLAG METAMORPHOSES …