Walter Stach 21
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AR:
Das heisst, Du fasst den Künstler schon eigentlich als Unternehmer [auf]?
WS:
Ja, als Kleinunternehmer wie viele andere auch - in diesem ökonomischen Zusammenhang. In anderem sehe ich ihn deutlich verschieden zu einem [sagen wir] … Schlüsseldienst oder … irgendeinem anderen Einzelunternehmer, weil er mit etwas, mit einem Rohstoff arbeitet, der eben in den seltensten Fällen von vornherein - a priori sozusagen - materialisiert ist, also: Es geht im ersten Moment ja nicht um die Materie, sondern es geht um das, was im Kopf entsteht. Und das ist beim Künstler wirklich ganz originär und, glaub[e] ich, unvergleichlich – behaupt[e] ich jetzt einmal, vielleicht stimmt [e]s nicht, aber ich sag[e e]s jetzt einmal.
AR:
Ja, mir fällt dazu natürlich Vorreiterrolle der Kunst ein, nicht? Was passiert, wenn man Dinge denkt, die ihrer Zeit voraus sind, sozusagen. Oder die auch einfach gerade nicht in der Zeit liegen …
WS:
… oder ganz voran sind – ich glaub[e], sie sind nicht voraus –, aber dicht an der Zeit liegen, nicht?
AR:
Ja. Oder was passiert mit Kunst, die kritisch ist zum Beispiel – da wird es … dann mit dem Unternehmertum auch schwierig werden, weil: wenn man nicht in der Mode sich bewegt, wird man schwer verkaufen ….
WS:
Ja, aber das teil[e] ich wieder mit anderen produzierenden Sektoren auch. Wenn ich als Designer, wenn ich als Rechtsanwalt – sag[e] ich jetzt einmal – sozusagen mich so verhalte, wie es also nicht der derzeitige – und da könnten wir wirklich die Berufszweige durchgehen –, … der jeweilige Markt in der jeweiligen Zeit erfordert, bleib[e] ich auch über.
Oder? Also, ich stelle eine These [auf] …
AR:
Naja, … ich frage mich dann schon, … wie weit würde ich unterscheiden zwischen so genannten Creative Industries, die ja auch angewandt arbeiten, wo es ja sehr wohl darum geht, Geschmack zu erfüllen oder schon auch weiter zu entwickeln, aber angewandt zu produzieren im Vergleich zu einer bildenden oder experimentellen Kunst, wo ich mich schon frag[e]: ist es wirklich Aufgabe des Künstlers, der Künstlerin, geltenden Geschmack zufrieden zu stellen, um verkaufen zu können? … Das ist zum Beispiel auch etwas, wo ich dann die Rolle des Künstlers, der Künstlerin nachfragen würde, weil: da könnt[e] ich ja auch Designer sein oder Entertainment Designer oder …
WS:
Ja, ich sag[e] wieder: die Kunst muss nichts und darf alles. Ja, … wenn sich jemand als Geschmacksverstärker in der Gesellschaft betätigen will, dann soll er/sie es tun, aber er/sie darf auch nicht enttäuscht sein – wenn der Output noch dazu als geschmacklos empfunden wird –, dann eben nicht anerkannt zu sein.
… Ein gesellschaftlicher Kreativsektor, der der Kunst – find[e] ich – ja sehr verwandt ist, also die Grundlagenforschung – sag[e] ich einmal –, ja die hat [e]s, weil sie ja doch letztlich auf Anwendung bezogen ist, auch wenn man [e]s im Moment nicht weiß, noch immer um eine Spur leichter als die Kunst, von der man ja wirklich nicht behaupten kann, dass sie a priori lebensnotwendig sei. Ich sage das jetzt einmal provokant. Natürlich bin ich [ohnehin] anderer Ansicht, aber jetzt rein … ganz cool sozusagen gesagt: Wenn morgen keine Bilder mehr hängen ein Jahr lang, wird die Welt nicht untergehen. Aber wenn wir ein Jahr lang … die Ergebnisse der Wissenschaft nicht mehr zur Verfügung haben, “schauen wir ein bissel blöd aus der Wäsch’”. Also, ich meine: das Wesentliche ist, … dass ich als derjenige, der etwas tut, das man als Kunsterzeugung benennt, dass ich über möglichst viel meiner Rolle Bescheid weiß und mich optimal dazu verhalten kann, also, dass ich mich möglichst … vor Enttäuschungen bewahre, die ja meiner Arbeit nicht gut tun.
AR:
… von denen immer ja auch viele auf dem Weg der Kunstproduktion liegen, muss man ja auch sagen, nicht?
WS:
Ja, aber in vielem anderen auch, in anderen Berufen … Wenn ich mich … als Migrantin bewege, bin ich auch fremd.
AR:
Ja.
WS:
Und insofern bin ich als Künstler meistens auch ein Migrant in einer Gesellschaft.
AR:
Ja. Das Fremde …
WS:
… nämlich als avantgardistischer Künstler, der eben nicht … als Geschmacksverstärker fungiert, sondern der … [eben] – aus welchen Gründen jetzt auch immer und aus welchen Quellen auch immer gespeist – das tut. Aber doch etwas tut, was man – wie man [eben] … ein bisschen pathetisch sagt – tun muss, warum auch immer.