Michael Wimmer 10

Michael Wimmer, art mediator, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_56_mw.mov

Meine Frage ist: wieso - das kann sich ja emphatisch beschwören, soll wieder sein […], aber wieso - funktioniert das nicht mit einer Erneuerung von Kulturpolitik? Und einen der Gründe hab[e] ich bei dem alten Eric Hobsbawm gefunden, der eben so eine Gesellschaftsanalyse macht und bei der Gelegenheit fragt, ob das, was wir hier als Kunst verhandeln, überhaupt eine Zukunft hat, ob da nicht ein Transformationsprozess in Gang kommt, der nicht nur darüber Auskunft geben möchte, dass die Bevölkerung nicht weiß, was da los ist, sondern umgekehrt auch der Kunstbetrieb immer weniger weiß, was los ist außerhalb […], ob man da nicht den Bezug verloren hat, weil das, was ich konstatiere - das hab[e] ich schon gesagt -, ist die Durchdringung des Künstlerisch-Ästhetischen in allen Lebens- und Arbeitsbereichen.

Wir sind in einer durchästhetisierten Gesellschaft und bilden uns ein, wir wären da die einzigen Kreativen und der Sonderfall dabei, wo sich ganz etwas anderes schon abspielt. Und wenn es uns nicht gelingt, da einen produktiven Bezug aufrechtzuerhalten, können wir im Elfenbeinturm noch lange weiterreden, es wird uns niemand mehr zuhören.

Franziska Maderthaner 09

Franziska Maderthander, fine artist, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_55_fm.mov

Künstlersozialversicherung ist schon angesprochen worden. Das ist natürlich ein großer, schlimmer Punkt, und da bin ich immer wieder ganz überrascht, wie wenig sich da Österreich an Deutschland orientiert, wo es eigentlich wesentlich besser und selbstverständlicher und ohne großen medialen Rummel seit 20 Jahren gut funktioniert. Da ist extrem viel zu machen bei der Künstlersozialversicherung.

Aber generell - jetzt einmal - hab[e] ich ein paar Dinge hier aufgeschrieben. Dieser ganz wichtige Punkt scheint mir auch dieser Urheberrechtspunkt. Und auch […], so unangenehm es ist, diese Folgerechtsproblematik, die eigentlich die Künstler und Künstlerinnen - in den letzten, seit zwei Jahren gibt es das - sehr schlecht gestellt hat.

Der Grund dafür ist aber auch, dass dieses Folgerecht nicht in allen europäischen und international, also in Amerika, nicht existiert. Dadurch gibt es eine bestimmte Ungleichstellung.

Und dieses Folgerecht besagt - soviel für die, die das nicht wissen -, dass man bei dem Verkauf seiner Kunstwerke, seiner künstlerischen Produktionen, sobald es um einen Zweitverkauf geht, prozentuell beteiligt ist. Das heißt, wenn man – […] das Beispiel haben Sie[, Herbert Gnauer, Anm. AR.], glaub[e] ich vorher erwähnt -, […]wenn man also vor vierzig Jahren oder vor dreißig Jahren oder vor zwanzig Jahren diese Kunstwerke produziert hat und einmal wahnsinnig berühmt wird - diese Werke sind irgendwo und werden dann auf einmal weiterverkauft und weiterverkauft -, kann man immer einen bestimmten Prozentsatz mitschneiden bei diesem Weiterverkauf - also eigentlich etwas, das sehr sinnvoll ist. Dabei muss auch noch viel gemacht werden. Diese Deckelung, die muss eigentlich weg. Das muss also wirklich ab …, für jeden Verkauf muss das eigentlich gelten.

Dann hab[e] ich hier natürlich auch noch das Thema Kunstakademien, wo es wichtig ist, dass diese Bereiche - eben Marketing, Recht, Betriebswirtschaft, Kulturwirtschaft - erweitert [… werden]. Das sind Dinge, die es einfach nicht gibt, die sollten also unbedingt passieren. Aber ich denke, das wird nur über eine verfassungsmäßige Änderung gehen: was die Universitäten generell für Aufgaben haben.

Dann natürlich gibt es da so Sachen, die es in vielen auch wiederum deutschen Städten schon gibt, wie Unterstützungen der Atelierkosten. In einem sehr hohen Ausmaß gibt es das z.B. in Berlin.

Was natürlich auch schlimm ist, dass die Kunst am öffentlichen Bau ein Bereich ist, der in Österreich auch noch immer sehr lasch gehandhabt wird, wo man zwar weiß, es muss bei jedem öffentlichen Gebäude der und der Prozentsatz Kunst am öffentlichen bau dabei sein, aber so richtig überprüft und gemacht und vergeben wird das eigentlich auch nicht.

Wichtig fänd[e] ich eben auch diese Situation, dass Künstlerinnen und Künstler schon während der Ausbildung auch vielleicht anderen Berufsfeldern zugeführt werden. Dann sehe ich auch wieder im Bereich der Vermittlung viele Chancen, eben gerade in der Schule, wo ich denke, es wäre sicher spannend, dass also Künstlerinnen und Künstler in den Schulen unterrichten könnten.

Steuerlich sind diese Geschichten mit diesen Freibeträgen […] interessant. Dieses Thema, Kunst überhaupt generell von der Steuer absetzbar zu machen, also Kunst anzukaufen und es von der Steuer absetzbar zu machen, das ist etwas problematisch. Das haben wir innerhalb der IG bildende Kunst schon durchdiskutiert. Das würde zu einer ziemlichen Verzerrung und zu einer einseitigen Förderung auch führen. Also, da sind wir eigentlich nicht so dafür gewesen

[…] Ich sehe natürlich auch ein Versagen, was z.B. - was Sie[, Michael Wimmer, Anm. AR.] vorher angesprochen haben - diese Wahrnehmung oder diese Wichtigkeit von Kultur innerhalb der Bevölkerung [betrifft, Anm. AR.]. [Das] ist natürlich ein absolutes mediales Versagen. Speziell in Österreich, kann man sagen, ist da in den letzten zwanzig Jahren viel schief gegangen, ob das jetzt im ORF ist oder in den Medien – [es] wird viel zu wenig und viel zu unqualifiziert über Kunst und Kultur berichtet. Wissen wir [… ohnehin], führt aber auch dazu, dass die Bevölkerung einfach keine Ahnung hat, was da eigentlich los ist.

Schlimm ist die Situation auch in den Schulen, also nicht nur auf den Universitäten, wo ich mir auch denk[e], da muss also auch viel mehr passieren, was wiederum aber eigentlich so komplex ist, weil es mit den Universitäten und der Ausbildung dort zu tun hat. Aber auch dort kann man im Vorfeld schon mit sechsjährigen Kindern und Jugendlichen anfangen, eine ganz eine andere Art von kreativem Unterricht zu machen [… in der] Kunst und Musik und sie einfach mehr und mehr und selbstverständlicher zur Kultur hinzuführen.

[…] Das sind jetzt viele, viele Punkte auf einmal […], aber es war irgendwie Deine[, Alexandra Reill, Anm. AR.] Frage.

AR:
Ja, genau.

Paul Stepan 13

Paul Stepan, culture economist, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_54_ps.mov

Von der Situation her: es wär[e] ganz hübsch einfach, wenn es nach mittlerweilen über elf Jahren [in Österreich, Anm. AR.] wieder einmal so [et]was geben würde wie Kulturpolitik. Ich glaube, das würde irgendwie auch [et]was bringen.

[...]

Und damit meine ich eigentlich, […] seit Jahren geht es einfach bergab. Es hat keine neuen Impulse mehr gegeben. Es wird bestenfalls verteidigt, es ist ein Rückzugsgefecht.

Und ich denke, dass es zum einen […] sinnvoll wär[e], im Sinne einer Verwaltungsreform die ganzen Apparate einmal etwas zu entschlacken, einmal zu schauen: wie schauen Förderungen wirklich aus? Wie werden Förderungen vergeben? Da sind […] oft […] Töpfe, die dann nicht ausgeschöpft werden können, die dann wieder irgendwo hinfließen. Das ist alles relativ undurchsichtig.

Und man könnte sehr wohl durch Fördermechanismen einfach wieder freies Kapital schaffen, das dann tatsächlich auch für kulturpolitischen Spielraum verfügbar ist, um dann überhaupt einmal wieder Kulturpolitik machen zu können. Das ist weder in Wien noch im Bund der Fall im Moment. Das, was vergeben wird, sind echt peanuts; […] was frei vergeben wird.

Das andere ist etwas zukunftsorientierter, etwas, was leider europaweit überhaupt nicht passiert. Und das ist, zwei Bereiche zusammen zu denken. Das ist Kulturpolitik und Urheberrechtspolitik. Das eine ist im Justizministerium, das andere ist in der Kultur. Die[se] haben nichts miteinander zu tun.

Das ist etwas, [d]as für Einkommen in den nächsten Jahren, Jahrzehnten durch die Digitalisierung sehr, sehr wesentlich wird. Und dass man da in irgendeiner Form auch seitens der Kulturpolitik sich überhaupt einmal überlegt: welche Vorstellungen haben wir von Urheberrecht? Was soll das leisten? Was behindert [e]s in der derzeitigen Form an Kulturproduktion? Und dass man da auch seitens der Kulturpolitik einmal eine Linie zum Urheberrecht findet.

Das sind die zwei Bereiche, die ich jetzt einmal genommen hätte. Ansonsten: es ist nicht so wenig da. […] Die Kulturförderungen in Österreich sind nach wie vor sehr hoch im internationalen Vergleich, auch im europäischen Vergleich. Es wird nur [… sehr] wenig damit gemacht. Man könnte das wesentlich geschickter einsetzen.

Marie Ringler 08

Marie Ringler, municipal councillor and parliament member, representative for cultural policies of Die Grünen Vienna, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_53_mr.mov

[AR:
Abschließend, welche Argumente könnten hinsichtlich einer Verbesserung der Situation von Kunst- und Kulturschaffenden zusammenfassend genannt werden?]

MR:
Eine zentral wichtige Diskussion, die wir führen müssen, ist die Frage rundum die soziale Absicherung von Kulturschaffenden. Das, was es derzeit gibt an sozialer Absicherung im Zusammenhang mit der Künstlersozialversicherung, ist das nicht oder jedenfalls nicht ausreichend.

Da gibt es, wie gesagt, diese Idee der Grundsicherung. Es gibt sicher andere Modelle, dies zu erreichen. Ich halt[e] das für ein ganz gutes Modell und auch eine sehr, sozusagen durchaus brauchbare Herangehensweise. Darüber hinaus ist aber völlig klar, dass das nicht der einzige Weg und das einzige Mittel sein kann, das ist ganz klar.

Ich glaub[e] auch, dass es gerad[e] im Bereich des Nachwuchses und der Durchlässigkeit zusätzliche Möglichkeiten braucht. Drei Viertel des Wiener Kulturbudgets werden von ganz wenigen Institutionen aufgefressen. Bei den Vereinigten Bühnen darf ein Musical vier Millionen Defizit machen. Das ist das Jahresbudget der Kunsthalle Wien, das auch nicht gering ist. Also, da gibt es einfach ganz massive Ungleichmäßigkeiten in den Förderungen und Finanzierungen, die, glaube ich, zu hinterfragen sind. Und das ist auch ganz wichtig, weil das nämlich bedeuten würde, dass es mehr Geld gäbe für andere, die mit den vier Millionen vielleicht Besseres zu tun wüssten als “Barbarella”.

Michael Wimmer 09

Michael Wimmer, art mediator, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_52_mw.mov

Ich hab[e] da einen Verdacht: ob [e]s hier nicht um einen Widerspruch geht - auf der einen Seite einer Elitenbildung von Künstlerschaft im Gegensatz zum Rest der Gesellschaft, die […] heute im wesentlichen ja auf Utilitarismus, Ökonomie, Gewinnstreben ausgerichtet ist, und dagegen entwickle ich eine eigene Position, gegen den Rest der Gesellschaft. Das hat also viel mit einem antikapitalistischen Restkomplex zu tun.

Und die andere Variante ist, die Avantgarde dessen zu stellen, was gesellschaftlich der Fall ist, um damit von Null auf Hundert kommen zu können. Also: wenn ich da schon mitspiel[e], dann will ich Virtuose dabei sein. Dann will ich auch wirklich da an der Spitze dabei sein und hab[e] dabei Verfahren, die ich in anderen gesellschaftlichen Bereichen so nicht leicht entwickeln kann. Es ist auch eine besondere Möglichkeit, hier zu reüssieren, Chancen wahrzunehmen, die in andern Berufsfeldern so leicht nicht ergreifbar sind.

Marie Ringler 07

Marie Ringler, municipal councillor and parliament member, representative for cultural policies of Die Grünen Vienna, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_51_mr.mov

Schlussendlich geht es darum, wie wichtig ist es sozusagen unternehmerisch, [...] tatsächliches finanzielles Kapital [zu] erwirtschaften über meine eigene Existenzsicherung hinaus, wenn man so will. Das ist die Form der Gewinnorientiertheit, die ich meinte. Oder geht es da um anders gelagerte Interessen und Motivationen, wo nebenbei reich werden wollen durchaus möglich ist.

Paul Stepan 12

Paul Stepan, culture economist, A

http://www.datonet.at/kanonmedia/080507_50_ps.mov

Du hast einfach verschiedene Referenzsysteme. Das eine ist [… eben] ein künstlerisches Referenzsystem: dass man innerhalb einer Kunstcommunity ernst genommen wird und eingeladen wird zu Festivals oder von Galerien eingeladen wird, eine Ausstellung zu machen, etc.

Das andere ist ein finanzielles Referenzsystem, wo in der Regel Leute tätig sind - im Autoreifenbusiness [z.B.] -, also die machen das meistens weniger aus ästhetischen Gründen, sondern die wollen […] wirklich [Geld verdienen, Anm. AR.]. Denen ist [… egal], was sie verkaufen – Autoreifen, Kleiderbügel, Hamburger -, denen ist die Tätigkeit egal, die haben ein rein monetäres Ziel.

Und in der Kunst ist es nicht so als hätten die Leute keine monetären Ziele. Das würd[e] ich nicht sagen, [aber …].

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